Klappern gehört zum Handwerk

Meine erste Schlange lag auf dem Steinboden vor dem Schlafzimmer; es war früher Abend, und ihr locker gerollter Leib glänzte golden in der Sonne. Ich war gerade erst in das Haus in den Bergen gezogen: Hier war es viel heißer als in meiner alten Wohnung am Meer, viel trockener, hier kreischten keine Möwen, sondern Mäusebussarde zogen hohe Kreise über unserem Viertel und stießen diese scharfen Klagelaute aus, wenn sie am Grund eine Maus huschen sahen. Oder eine dicke Schlange. Also, meine jedenfalls war dick: hübsch gemustert die Haut, das Fleisch unter den Schuppen fest und muskulös wie ein Matrosenarm. Ich fuhr erschrocken zurück, rannte ums Haus, schnappte den Hund und stopfte ihn ins Haus. Denn auch wenn ich keine Ahnung hatte, um was für eine Schlange es sich da handelte – giftig? Würger? Schleiche?! –, so wusste ich doch eins: Hund und Schlange gehen nicht zusammen.

Mein Alptraum:

 Dieses Bild wollen wir niemals sehen!

Dieses Bild wollen wir niemals sehen!

Meine neuen Nachbarn, die ich um Rat und Hilfe bat, schlugen vor, die Feuerwehr zu rufen, was mir etwas hysterisch vorkam, aber ich kannte ja nicht die Gepflogenheiten der Berg-Stämme. “Es ist eine Klapperschlange!”, stieß der Mann von gegenüber vorwurfsvoll hervor, und seine Frau pflichtete ihm bei: “Ga-ran-tiert!” Das erste, was die herbeigeeilten Feuerwehrmänner von sich gaben, war ein enttäuschtes: “Also, das ist garantiert keine Klapperschlange.” Das goldene Exemplar sei im Gegenteil was ganz Tolles, und ich solle sie pflegen, sie würde mir im Lauf des Sommers große Dienste erweisen. “Wie meinen Hund beißen?”, fragte ich höhnisch und winkte ab, als einer der Männer das Tier aufgabelte und mir höflich entgegenstreckte. “Sie hält Ihren Garten rattenfrei”, gab der Mann achselzuckend zurück. Fast hätte ich aufgelacht – Ratten, wir sind doch hier nicht im Slum! Nehmen Sie das Ding bloß mit!

Heute weiß ich natürlich alles besser. Zum einen, dass die Ratten jede Nacht krekel unterwegs sind, überall, in allen Gärten, auf allen Bäumen, auf jedem Dach, und wenn sie Glück haben, finden sie ein Schlupfloch in den Keller, in den Heizungsschacht, in die Vorratskammer. Ihre Verwandten, die “gophers”, Taschenratten zu Deutsch, graben Tunnel unter meiner Wiese, nagen die Wurzeln von Bäumen und Sträuchern an, zerstören ganze Beete bis zum Sonnenaufgang. In diese verdammten Tunnel schlüpft manchmal so eine goldene Schlange, “gopher snake” genannt – und vertreibt die ganze Bagage. “Gopher snakes” sind also wirklich Gold wert – im Gegensatz zur gefürchteten Klapperschlange. Und jetzt komme ich endlich zum Punkt.

 Was haben wir im Sortiment: Ganz oben die typische kalifornische "Western Diamond Back"-Klapperschlange, darunter ein "Mojave Green"-Exemplar aus der gleichnamigen Wüste, die dicke schwarze und die dicke helle heißen "Southern Pacific" und "Speckled Rattlesnake", die kleine ist ein "Sidewinder", siehe auch unser Video

Was haben wir im Sortiment: Ganz oben die typische kalifornische "Western Diamond Back"-Klapperschlange, darunter ein "Mojave Green"-Exemplar aus der gleichnamigen Wüste, die dicke schwarze und die dicke helle heißen "Southern Pacific" und "Speckled Rattlesnake", die kleine ist ein "Sidewinder", siehe auch unser Video

Jedes Frühjahr treibt uns Hundebesitzer nämlich die Sorge um, was unsere Haustiere im Angesicht einer giftigen Klapperschlange machen. Trifft sie ein doofer Labrador, will er sie umgehend verspeisen. Ein Jagdhund möchte mit ihr rennen, ein Terrier sie fangen. Und die ganzen Pudelabkömmlinge namens Doodle – Labradoodles, Maltipoos und Schnoodles – können sich nichts Schöneres vorstellen, als mit diesem quirligen Reptil zu spielen. Die Schlange reagiert auf alle diese Ansinnen gleich.

 Diesen Anblick mögen wir auch nicht.

Diesen Anblick mögen wir auch nicht.

Sie beißt.

Hund-Schlange-Beziehungen gehen niemals gut aus, die Tierarztkosten sind horrend. Daher gibt es in Klapperschlangenterritorien wie Los Angeles eine blühende Industrie von “Vermeidungstrainern”, die nichts anderes machen, als unsere Waldis zu Schlangenphobikern zu erziehen. Dass wir ihre Hilfe im Frühjahr suchen, hat mit der romantischen Vorstellung zu tun, unsere Vipern hielten Winterschlaf; tatsächlich wurden die armen Hunde einer Freundin von mir zwei Mal im tiefsten Winter gebissen, im Januar (kalifornischer Winter freilich, tagsüber 15 Grad, nachts zuweilen einstellig, kein Schnee, aber fröstelig genug, Angelenos tragen bei solchen Temperaturen Daune und Fäustling). Jedenfalls tauchen so gegen März die Babys auf, handlange Schlänglein ohne Klapper – das sind ja die Überreste von Häutungen bei ausgewachsenen Tieren; locker am Schwanz aufgereihte Keratin-Rasseln, die bei schlechter Laune vibrieren. Die Kleinen gelten als besonders gefährlich, weil sie ihr ganzes Giftarsenal ohne Sinn und Verstand in ihre Opfer spritzen. Die Alten & Erfahrenen verfügen angeblich über mehr Augenmaß und unterscheiden zwischen Warn- und Tötungsbissen; ich kenne manchen Hund, der mit einem dicken Auge oder einem zur Wassermelone geschwollenen Bein davonkam.

Unsere Lieblingstrainer reisen an aus der Wüste um Palm Springs: wo es von Klapperschlangen nur so wimmelt. Sie bringen Kühlboxen voller Kaltblüter mit, die sich während der dreistündigen Fahrt auf Plastikflaschen ringeln, ganz leicht runtertemperiert, damit sie leichter zu handhaben sind. Denn wenn sie am Trainingsort – meist ein offenes Feld, ein Park in und um Los Angeles – ankommen, holen die Trainer sie mit bloßen Händen aus der Kiste und legen sie dekorativ in den Weg.  

Showtime!    

Nun sind diese Leute weder lebensmüde, noch spielen sie mit dem Wohl unserer Hunde: An jedem Trainingsmorgen klebt der Chef von "Natural Solutions" – so heißt unser spezielles Team von Tiertrainern – seinen Schlangen die Mäuler zu. Präzise Kleinarbeit, die nur Erick Briggs ausführt; seine Mitarbeiter sind davon so fasziniert wie wir, die ahnungslose und sich ganz schön gruselnde Hunde-Gang.

 Ist nur ein Baby! Kann man süß finden... muss man aber nicht. Die Plastikschleifen ums Maul halten einen Tag; selbst wenn die Schlange ausbüxt – noch nie passiert, schwört Erick –, löst sich das Material auf, so dass sie sich in freier Wildbahn ihr Frühstück selbst besorgen könnte. Merke: "Aversionstrainer" lieben Hunde – aber auch ihre Schlangen

Ist nur ein Baby! Kann man süß finden... muss man aber nicht. Die Plastikschleifen ums Maul halten einen Tag; selbst wenn die Schlange ausbüxt – noch nie passiert, schwört Erick –, löst sich das Material auf, so dass sie sich in freier Wildbahn ihr Frühstück selbst besorgen könnte. Merke: "Aversionstrainer" lieben Hunde – aber auch ihre Schlangen

Was dann geschieht: Dem Vierbeiner wird ein "shock collar" umgebunden, ein elektrisches Halsband, das ihm, wenn er sich der Schlange zu neugierig, zu unbekümmert nähert, einen kleinen Schlag verpasst; gesteuert natürlich, am anderen Ende der langen Leine, vom Trainer. Der Hund soll lernen: Schlange – aua. Schlange – baaaaad

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 Erick Briggs führt den kleinen Fried Rice an ein ausgewachsenes Klapperexemplar. Fried, von Natur aus freundlich, möchte gern spielen... aua! (Thank you, Ronni Rice, for pictures of Fried's big adventure!)

Erick Briggs führt den kleinen Fried Rice an ein ausgewachsenes Klapperexemplar. Fried, von Natur aus freundlich, möchte gern spielen... aua! (Thank you, Ronni Rice, for pictures of Fried's big adventure!)

Ein ganzer Parcours wird aufgebaut: Erst spaziert der Trainer mit dem Hund zu einer ins Gras gelegten Baby-Schlange. Manche Hunde machen instinktiv einen Bogen um das beinlose Wesen ("Wasndas?! Och nö..."), andere pressen vertrauensselig ihre Nasen aufs Geschuppe. Zzzoing, gibt's nen Ministromschlag – ich hab' schon Chihuahuas vor Schreck wahre Saltos machen gesehen und 100-Pfund-Mastiffs quieken gehört wie Ferkel. 

Nach den Babys geht es zu einer abgestoßenen Haut, die scheinbar zufällig im Grünen liegt, nur so ein silbriger Fetzen. Der riecht dito exotisch nach Viper. Unterrichtsziel: Der Hund soll tunlichst auch die Verpackung meiden, denn ganz in der Nähe könnte sich der frisch gehäutete Schlangen-Inhalt befinden. Wer zu lange schnüffelt – zapp, siehe oben.

Dann ein versteckter Behälter im Gebüsch, in dem eine ausgewachsene Rattlesnake aufgebracht klappert, wenn Lehrer und Adept sich nähern. Das Rasseln klingt ein bisschen wie ein Rasensprenkler und ist überraschend laut. Der Hund weiß jetzt, wie das teuflische Ding aussieht, riecht und klingt – und dass er ihm am besten fernbleibt. 

Zum Abschluss liegt so ein Oschi dick und fett im Weg.    

Nur ein gaaaanz dummer Hund möchte jetzt noch mal Körperkontakt aufnehmen. In den allermeisten Hirnen funkt es: schon wieder so ein blödes Viech! Nichts wie weg hier!!

Lektion gelernt, mission accomplished.

Bis zu hundert Hunde trainieren die "Natural Solutions"-Leute an manchen Tagen. Sie sind beileibe nicht die einzigen; in der heißen Jahreszeit boomt das Geschäft – dann, wenn selbst in dichtbesiedelten Wohngegenden aus der Rabatte eine aufgestörte Klapperschlange fährt und den tumb schnüffelnden Kaniden in die Nase beißt (tatsächlich die häufigste Bissstelle!). Die Coaches sagen: Ein, zwei Mal sollte man das Training wiederholen, damit das Gelernte wirklich hängenbleibt und der Hund zuverlässig allem aus dem Weg geht, was nach Schlange riecht, nach Schlange aussieht und sich wie eine Schlange anhört.

Wir haben's drei Mal gemacht. Das erste Mal hat der Hund den Trainer gebissen vor Zorn, dass ihm so ein bescheuertes Elektroschockhalsband umgelegt wurde; die glitschigen, haarlosen Viecher hätten ihn sowieso nicht interessiert. Um sicher zu gehen, gesellten wir uns im Jahr drauf wieder zu den Leuten und ihren Geländewagen, die vollgepackt waren mit verdächtigen Kühlboxen. Der Hund erschnupperte Reptilienaroma, erkannte die Stimme des Trainers – und wollte umgehend zurück ins Auto. Beim dritten Mal kam er aus dem gar nicht mehr raus. 

Später sah ich vor mir auf dem Weg einmal eine lange, silbrig glänzende Schlangenhaut. Wenn er da jetzt drauftritt, schoss mir durch den Kopf, war alles umsonst!  Er zuckelte vor mir her, die Nase im Staub, der Schwanz in der Höh, gelassen und frohgemut.

Aber um die Haut, da hatte er sich schön drumrum geschlängelt.

 Weisheit vom alten Inder Chandaya: "Auch wenn eine Schlange nicht giftig ist, sollte sie doch so tun" 

Weisheit vom alten Inder Chandaya: "Auch wenn eine Schlange nicht giftig ist, sollte sie doch so tun"