“So’n bisschen Wannsee”

 Wie einst Marky Mark: Der Berliner macht Werbung für Ungerbüxen  Foto: @matthiasschweighoefer

Wie einst Marky Mark: Der Berliner macht Werbung für Ungerbüxen Foto: @matthiasschweighoefer

 

Matthias Schweighöfer, 37, erzählte uns am Tag nach seiner ersten Hollywood-Premiere, was er sonst so in Los Angeles treibt. Hier die ungekürzte Fassung unseres Spiegel online Interviews 


Auf der Dachterrasse des “London”-Hotels in Los Angeles fällt der blonde Star aus Deutschland nicht besonders auf, weil hier alle so aussehen wie er: nämlich gut. Fit. Charmant. Der blonde Schopf lässig gestylt, noch Puder im Gesicht vom Foto-Shoot am Strand von Santa Monica. Matthias Schweighöfer, 37, ist mit zwanzigköpfiger Entourage aus Germany angereist, um die Premiere der zweiten Staffel seiner Cyber-Crime-Serie “You Are Wanted” in Hollywood zu feiern – mit seinen Schauspielkollegen und den Produzenten von Amazon und Warner Bros. Für die Amazon-Streaming-Abteilung ist der auf Deutsch in Berlin gedrehte Thriller die erfolgreichste Serie, die sie bislang in Deutschland und Österreich gezeigt hat. Und während Kritiker im Inland zuweilen ruppig mit Schweighöfers Hacker-Abenteuer umgingen (“Klischees, Klischees”), nannten angelsächsische Kollegen die Amazon-Prime-Reihe “die teutonische Version von ‘Mr Robot’”, lobten die “faszinierende Produktionsqualität” und schwärmten gar, der Hauptdarsteller gleiche dem britischen Sexsymbol Tom Hiddlestone.

Herr Schweighöfer, hätte es Berlin als Premieren-Tatort nicht auch getan?

 Noch ein Traum: You are wanted auf dem Hollywood Boulevard (Schweighöfer mit Alexandra Maria Lara, Jessica Schwarz, Michael Landes)   Foto: Amazon

Noch ein Traum: You are wanted auf dem Hollywood Boulevard (Schweighöfer mit Alexandra Maria Lara, Jessica Schwarz, Michael Landes)  Foto: Amazon

Ja, klar, das war echt eine Ehre für uns. Es war cool und irgendwie auch absurd – ich war so kaputt vom Jetlag: Gerade spiele ich noch ein Konzert vor 5000 Leuten in Leipzig, und 48 Stunden später stehe ich auf dem Sunset Boulevard in Hollywood und gebe Interviews auf Englisch. 

Sie bekennen sich als Los-Angeles-Fan. Wie war Ihr erster Eindruck von der Stadt?

Ich war zum ersten Mal Weihnachten 2008 hier. Damals habe ich in  Albuquerque, in New Mexico, die Komödie “Friendship” gedreht über zwei Ossis, die von New York nach San Francisco trampen. In den Feiertagen zwischen den Jahren wollte ich nicht zurück nach Hause düsen. Ich beschloss, meine Freundin rüberzuholen und nach LA zu fahren. Meine Mutter und mein bester Freund stießen zu uns, und wir wohnten in West Hollywood – also genau der Gegend, in der wir jetzt sind – in einem kleinen Haus. Es gehörte einer Freundin und war sehr schön.

 So'n Tom-Cruise-Film ist ganz gut im Lebenslauf

So'n Tom-Cruise-Film ist ganz gut im Lebenslauf

Fühlten Sie sich fremd?

Ja und nein. Es war eine verrückte Zeit: Ich hatte damals in dem Tom-Cruise-Film über Stauffenberg mitgespielt, “Valkyrie” lief gerade an. Ich fuhr über den Sunset Boulevard, und überall hingen unsere Plakate, vollkommen irreal. Das Ding ist: Im Herzen bin ich Amerikaner. Mein ganzes Film-Leben war immer inspiriert von der hiesigen Kino-Industrie.

Träumen Sie von Hollywood?

Das Business fasziniert mich – aber ich bin nicht abhängig davon. Soll heißen: Ich würde gern, aber ich musshier nicht arbeiten. Zu Hause habe ich meine Firma mit 140 Angestellten und meine Eigenständigkeit – wenn Hollywood mich nicht will, bricht keine Welt zusammen. Ich mag aber LA, die Stadt, einfach sehr gern.

Was denn?

Man wird immer freundlich begrüßt, auch wenn das oberflächlich ist. Wildfremde Leute sagen zu einem: I like your shoes, oder I like your car, looks expensive, looks cool, I like it! Diese Leichtigkeit macht das Leben einfacher.

Wenn Sie in Deutschland teure Autos fahren, hören Sie andere Kommentare.

Ich hab mal bei einer Schauspielagentin im Büro den Spruch gelesen: In Deutschland ist das größte Kompliment der Neid. Ganz andere Mentalität hier! Selbst wenn die Leute neidisch sind, lassen sie es nicht raushängen. Das kann einem mit der Zeit bestimmt auch auf den Wecker gehen, aber erstmal ist es doch positiver.

Sie haben viel in der Pipeline, unter anderem die Komödie “100 Dinge”, den Kriegsfilm “Kursk” von Thomas Vinterberg und eine US-Produktion über Marcel Marceau mit Jesse Eisenberg von “The Social Network”. Machen Sie nie Pause?

Das wirkt nur so: Ich drehe viel am Stück, um mir Freiräume zu schaffen. Von Ende Mai bis September habe ich frei. Da komme ich nach Los Angeles. Ich will mal Zeit haben! Vorhin, als ich einen Termin in Santa Monica am Strand hatte, schoss mir durch den Kopf: jetzt mal nach Malibu fahren, ein bisschen abhängen! Es war so tolles Wetter. Aber keine Zeit.

Wo wollen Sie wohnen?

Ich miete ein Haus in den Hills. 

Deutsche zieht es normalerweise ans Meer.

Ich bin nicht beach-ig. Ich liebe es, am Hang zu sitzen und über alles drüber zu gucken. Einmal habe ich bei Roland Emmerich im Pool-Haus gewohnt. Er hat eine phantastische Villa hier mit Blick über die ganze Stadt. Wir saßen in seiner Küche und redeten darüber, wie er in Hollywood angefangen hat. Wenn ich frühmorgens in den Hills joggen war, zischten überall in den Gärten die Wassersprenger: wie das riecht! Nach Gras und Platanen, großartig. 

Die Villa liegt an einem der populärsten Stadtparks, dem Runyon Canyon – sind Sie da auch hingejoggt?

So steil… aber gut für den Po! Ich renne am liebsten den Sunset Boulevard entlang. Und wenn ich an einem “Open House” vorbeikomme, schaue ich es gleich an.

 Beverly Hills Betonblöckchen

Beverly Hills Betonblöckchen

Ach, Sie interessieren sich für Immobilien in Beverly Hills?

Nein, die sind krass, viel zu groß. Ich würde lieber in West Hollywood wohnen. 

Vielleicht wegen der Musik-Clubs und Bars? Hier am Sunset Strip liegt der berühmte Viper Room, das Roxy… 

Ne, ich bin kein Club-Typ, ich mag’s lieber grün.

Fühlen Sie sich von einer bestimmten Architektur angezogen?

Ich mag Backsteine, Holz, und hier gibt's superschöne Giebeldächer… aber auch ein ganz schlichtes Betonblöckchen könnte mir gefallen. Ich überlege tatsächlich, ob ich mir ein Haus kaufe. Dann wäre ich gezwungen, mal ein, zwei Jahre hier zu leben – könnte ich das überhaupt? Das würde ich gern herausfinden. Mein Leben, meine Familie ist in Deutschland: Aber mal rauszugehen, wäre vielleicht ganz gut. 

Sie könnten pendeln.

Ja, sieben, acht Monate in Deutschland arbeiten, dann wieder Los Angeles… Es ist schon schön hier.

Statt Strand:  Wasserspiele für Kinder (links) und Erwachsene

Wohin würden Sie Freunde oder Ihre Familie führen?

Zum Wassertank auf dem Warner-Studiogelände: Der ist sehr beeindruckend. Wolfgang Petersen hat dort “The Perfect Storm” gedreht. Das muss man gesehen haben, wenn man hier ist! Und mit meinen Kindern würde ich auf jeden Fall die Universal-Studio-Tour machen.

Und mit erwachsenen Gästen?

Wenn ich Single und mit meinen Jungs unterwegs wäre, würde ich definitiv die Poolparty im Mondrian-Hotel empfehlen an einem Freitag- oder Samstagabend: Das ist Las Vegas in LA!

Sie fahren gern Auto. Haben Sie eine Lieblingsstrecke in der Stadt?

Ich nehme gern den Mullholland Drive. Da gibt es eine Aussichtsplattform überm San-Fernando-Valley: Dort bin ich mal mit meiner Mutter gelandet, sie war begeistert. Seitdem fahre ich jedesmal, wenn ich in der Stadt bin, zu dieser Stelle und mache Fotos, muss sein. 

 Auch Mama Schweighöfer gefallen die Aussichten  Foto: LA Weekly

Auch Mama Schweighöfer gefallen die Aussichten Foto: LA Weekly

Sie haben ein Selbstporträt im feuerroten Pullover auf Instagram gestellt.

Von den Chicago Bulls! Würde ich nie kaufen in Deutschland. Sowas passt nur nach LA.

Was halten Sie von Hipster-Stadtvierteln wie Silverlake?

Finde ich ganz gut, aber nicht meine Welt.

Erinnert Sie zu sehr an den Prenzlauer Berg?

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Genau – was ich an LA mag, ist diese Kombination aus Berlin-Mitte und so 'n bisschen Wannsee. 

Amerikaner stehen auf Berlin: Wie toppt LA Ihre Heimatstadt?

Ganz klar mit dem Wetter. Und das Essen hier ist unfassbar. Ich war heute mittagessen im Delphine auf dem Hollywood Boulevard. Der Tuna Tartar! Wahnsinn. 

Welches Restaurant steuern Sie zuverlässig an, wenn Sie herkommenden Sie ernsthaf?  

Mel’s Drive-In am Sunset Boulevard, gleich hier um die Ecke. Ich bestelle den Banana-Oreo-Milkshake, der ist großartig. 

Sie haben Ihre Konzerte erwähnt. Ist Popstar ein Karriereweg, den Sie ernsthaft verfolgen?

Eher ein Test: Film ist ja sehr anonym, man hat keinen direkten Kontakt zu seinen Zuschauern. Und ich will mal live sein. Auf der Bühne, das macht wirklich Spaß – auch wenn die Kritiker mich zerpflücken.

Die mäkeln hauptsächlich, dass bei Ihren Auftritten Frauen auf die Stühle springen.

(lacht) Ja aber wenn die ausrasten, was soll ich tun?!

Nimmt Toby Emmerich, der Chef von Warner Bros., sich Zeit für Deutschlands größten Star?

Das bin ich ja gar nicht. Das ist Elyas M’Barek. Aber es ist toll, mit diesen Bossen am Tisch zu sitzen! Wir trafen uns in den Warner-Studios in Burbank, und um uns herum standen Vitrinen voller Oscars, die Warner gewonnen hat. Dutzende! Schon krass.

 Deutschlands größter Star  Foto: facebook

Deutschlands größter Star Foto: facebook

Wie kam es zu diesem Treffen?

Das war lange geplant. Wir bekamen eine exklusive Führung übers Gelände. Im Nachhinein wirkt das alles geradezu märchenhaft.

“Der geilste Tag…” Imponierten Emmerich Ihre Kino-Erfolge?

Ach was, Hollywood schaut sich in erster Linie Zahlen an. Einspielergebnisse, Produktionskosten. Und sowohl Toby wie Jennifer Salke, die Amazon-Entertainment-Chefin, registrieren, dass unsere Serien 40, 50 Millionen Dollar billiger sind als amerikanische.

Fürchten Sie die kostspielige US-Konkurrenz?

Nur insofern: Wir wollen genauso gut und wertig rüberkommen, wir spielen in der obersten Liga. Wenn die Leute im iPad “Game of Thrones” anklicken, dann erscheinen dort auch “The Man in the High Castle” – oder eben “You Are Wanted”. Und das soll nicht provinziell und kleinteilig aussehen. Ich mache meine Serie aus Deutschland heraus als internationales Produkt.

Wie ging die US-Presse mit Ihnen um?

Ich kann das noch nicht richtig einschätzen. Viele amerikanische Journalisten haben halt gelächelt: Da kommt so eine kleine deutsche Firma angereist und stellt eine selbstgedrehte Fernsehserie vor. Aber die Reaktionen waren gut.

Sie müssen sich nicht zerfleischen?

 Matthias Schweighöfer im Kreise der Warner-Brothers-Bosse Reg Harpur (links), Kevin Tsujihara und Toby Emmerich (rechts)

Matthias Schweighöfer im Kreise der Warner-Brothers-Bosse Reg Harpur (links), Kevin Tsujihara und Toby Emmerich (rechts)

Nicht wirklich. Ich sehe mir Toby Emmerich an, der in seinem Büro vor einem gigantischen Andreas-Gursky-Foto sitzt – ein Strand, in den Batman reinkopiert wurde. Alle 120 Sound-Stages auf dem Warner-Gelände hören auf sein Kommando. Er kann, wenn er Lust hat, morgen einen Film für 100 Millionen Dollar anschieben. Und dieser Mann sagt zu mir: Komm doch mal vorbei und probier was aus, wir stehen hinter dir.

Ist das beruhigend oder Stress?

Es ist eine Superchance – und auch ein Dilemma. Wenn ich in Deutschland mit einem Autor einen Stoff entwickle, dann denkt der nicht “bigger than life” – er hat zu viele Grenzen im Kopf. Das ist schade. Wir sind von Anfang an gebremst – aber um auch außerhalb des Landes zu funktionieren, muss man das Größtmögliche wollen.

Was wäre denn für Sie das Größtmögliche?

Ich würde mir gern den Auslands-Oscar holen – und dann wieder nach Hause fahren.