Frau Doktor Sex lässt bitten

Vor Jahren sollte ich mich einmal im Auftrag eines Frauenmagazins zur Sexgöttin ausbilden lassen. Sie schickten mich zu den Besten ihres Fachs, Stripperinnen, Pornostars, Liebescoachs. Leider wurde das Magazin eingestellt, bevor ich das Gelernte teilen konnte. Die Stylingtipps der Stripperin etwa, die riet, im Kaufhaus gezielt nach shoppenden Paaren Ausschau zu halten und sich einen fremden Ehemann als Einkaufsberater zu leihen. „Sind ehrlicher als jeder Schwule", behauptete sie. Doch keine meiner Lehrerinnen hinterließ einen so dauerhaften Eindruck wie Dr. Ava, Los Angeles' Doppel-D-Antwort auf Dr. Ruth. Erst neulich musste ich wieder an sie denken: Da erschien eine Studie, die empirisch belegt, dass für heterosexuelle Frauen Hausarbeit, insbesondere Spülen, der Liebestöter Nummer eins sei. 

Doch das muss nicht sein. Frau Dr. Ava wusste es schon damals besser.

 

 Dr. Avas Lehrerinnen-Outfit ist nichts für die Waldorfschule

„Ofenhandschuhe", raunt Dr. Ava, während sie sich lasziv einen Teflonfäustling über die manikürte Hand streift. „Warum bauen Sie nicht Ofenhandschuhe in den Akt ein?"

Gute Frage. Muss man erst mal drauf kommen.

Dr. Ava Cadell kennt viele Geheimnisse. Die alterslose Ungarin ist Amerikas „Sex Guru of all Gurus", schreibt das Hausfrauenmagazin Redbook. 

Außerdem ist sie diplomierte Hypnotiseurin, hat einen Zsa-Zsa-Gabor-Akzent, zwei Doktortitel (in Verhaltenspsychologie und Sexualpädagogik) und Brüste, die Russ Meyer beschämen würden. Heute Abend will Dr. Ava 13 Frauen in drei Stunden lehren, „how to turn any man into putty in your hands". Der Titel ihres Seminars ist vielleicht ein bisschen unglücklich gewählt – Knetmännchen? –, aber sie hat ihre Absichten in der Begleitschrift näher erläutert: „Sextechniken, die JEDEN Mann befriedigen und IHRE Macht stärken." Mit „u.a. praktischen Übungen in Oral, Rollenspiel, Erotic Talk" und obendrein Tipps, „wie man mit Haushaltsgeräten sein Liebesleben verbessern kann".

„Ofenhandschuhe, verstehen Sie?"

Die Klasse schweigt verstört.

„Es müssen nicht Ofenhandschuhe sein." Dr. Ava führt eine rubbelnde Bewegung in der Luft aus. „Sie können auch Gummihandschuhe nehmen. Variation! VARIATION! Variation! Nur Variation garantiert Sensation!"

Montag Umarmung mit Gartenhandschuhen, Dienstag Kraulen mit Spülhandschuhen, Mittwoch Anal-Penetration mit Latexfingerlingen – Hausfrauen haben ja keine Ahnung, welch erotisches Potential in ihren Besenkammern verkümmert. 

Eine rotwangige Dauergewellte in der zweiten Reihe befingert lüstern ein Nudelholz (zur erotischen Rückenmassage). Sie heißt Effy, hat zwei Kleinkinder zu Hause und einen Mann, der seit der Geburt des letzten „abends nur noch vor dem Fernseher wegdämmert". Schon jetzt ist sie Klassenbeste.

Sexseminare sind in vieler Hinsicht wie damals in der 2a.  Effy hat schon ein Fleißkärtchen – in diesem Fall: eine Probetube Orgasmuscreme – verdient, bevor ihre Mitschülerinnen die Aufgabe begriffen haben: „Erotic Talk für Anfänger". Dr. Ava verschreibt ihren Privatpatienten häufig ihre selbstproduzierten Podcasts „Ava's Hot Lips", in denen sie mit heiserer Stimme über Themen wie „orale Delikatessen" monologisiert. Hier, im kalt klimatisierten Konferenzraum eines Highway-Hotels, steht die praktische Umsetzung ihrer „langjährigen Studien" auf dem Plan. „Es spielt keine Rolle, was Sie sagen", lehrt Dr. Ava, „sondern wie Sie es sagen." Wer möchte ein Pfannkuchenrezept sinnlich vorlesen? Effy knipst mit den Fingern. „Ich schlage, ah, hmmm, das, hmm, das Eiiiiiweisssss mit dem Schneeeebeeeeesen, oh yeah, bis es ganz steif und hart, oh, ja, so hart ist." Setzen, eins. Effy wird noch fünf Tübchen Orgasmuscreme in den nächsten Stunden einkassieren, ihre dunkelgelockte Banknachbarin Maria geht leer aus. Möglicherweise liegt das an ihren konkurrierenden Silikonbrüsten oder an der mangelhaften Mitarbeit. Dauernd unterbricht sie Dr. Avas Ausführungen mit lästigen Fragen. Erst will sie wissen, wie sie ihrem Freund aus heiterem Himmel erotische Pfannkuchenrezepte am Telefon vorlesen soll. „Der denkt doch, ich bin durchgedreht!"

Dr. Ava wippt ungeduldig mit dem Stilettoabsatz. „Variation! Sie brauchen Variation! Warum will er nicht mehr mit Ihnen schlafen? Weil die Variation fehlt!"

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„Aber wir haben noch nie so miteinander gesprochen", beharrt Maria. „Rufen Sie ihn in der Mittagspause an", bleibt Dr. Ava unerbittlich. „Sprechen Sie mit tiefer Stimme. Sagen Sie, Baby, ich kann es kaum erwarten, bis du nach Hause kommst. Ich will, dass du mir die Kleider vom Leib reißt. Dann duschen Sie. Männer sind sehr geruchsempfindlich. Ziehen Sie etwas Altes an. Er muss ja nicht Ihre schönen Kleider kaputtmachen. Das Wichtigste ist: Seien Sie ganz spontan!"

„Aber wie kann ich spontan sein, mit den Kindern im Haus!", ruft Yolanda, die einzige schwarze Teilnehmerin der Gruppe (ihr Mann mag nicht mehr nach der Spätschicht bei Burger King). Ha! „Rebecca, die Spielzeuge, bitte!" Rebecca ist Frau Doktors Assistentin. Sie humpelt und trägt eine Art Zirkusfrack mit goldenen Litzen und Schulterklappen. Jahrelange Auseinandersetzungen mit Fantasien und Rollenspielen haben Dr. Avas Geschmack beeinflusst. Sie selbst entstammt einer Domina-Vision: Nadelstreifenkostüm, Korsett und Miedergürtel, schwarz umrandete Katzenaugen unter Kleopatra-Pony und dazu dieser Ton: „Rebecca!"

Rebecca bringt Rasierpinsel, Badeschwämme und Haarbürsten vom Bankett im Nebenraum, wo Dr. Ava allerhand Sexspielzeuge zum Verkauf feilbietet. „Ganz harmlos, nicht wahr? Aber sehen Sie, was ich daraus gemacht habe!" Laut brummende Badeschwämme und Haarbürsten werden herumgereicht. Eine lacht. „Klingt wie ein Rasenmäher!" – „Hier haben wir ganz normale Gebrauchsgegestände, die Sie zu Hause herumliegen lassen können, und Ihre Kinder oder Gäste erraten nie, dass es sich dabei um Vibratoren handelt!"

 Diese Hausfrau tut nur so unschuldig. In Wirklichkeit hat sie ein versautes Arsenal vor sich ausgebreitet. Im Badezimmer lauert noch mehr

Diese Hausfrau tut nur so unschuldig. In Wirklichkeit hat sie ein versautes Arsenal vor sich ausgebreitet. Im Badezimmer lauert noch mehr

Die Zeit rinnt. Schnell ein kurzer Powerpoint-Vortrag über den G-Punkt. Dr. Ava weiß nicht nur, wo er liegt, sie hat sogar Fotos, die ihn in verschiedenen Stadien der Erregung zeigen. Die Klasse erkennt nur lila Bergreliefs, aber es fragt keine, denn schon verteilt Rebecca Bananen und Kondome mit Vanillegeschmack. Dr. Ava demonstriert, wie man ein Gummi mit dem Mund über die Frucht stülpt, aber es will ihr nicht gelingen. „Ich bin ein wenig aus der Übung", entschuldigt sie sich, „weil ich 25 Jahre verheiratet war." Oh. Das ist natürlich der beste Beweis für ihre Liebhaberinnen-Qualitäten. Oder kennt jemand irgendeine Frau in LA, die einen Mann über ein Vierteljahrhundert an sich binden konnte? Na? (Dr. Ava war bis zu seinem Tod im Jahre 2014 mit dem Promi-Anwalt Peter Knecht verheiratet.) Das Kondom schmeckt ekelhaft und reißt beim Versuch, es oral über die Bananenspitze zu applizieren. Rebecca reicht Blumenkohlröschen und Broccoli mit Gorgonzola-Dip, nachdem einige Schülerinnen angefangen haben, ihre Bananen aufzuessen.

Man muss die Fülle an neuen Erkenntnissen erst einmal verdauen: Jeder Orgasmus ist wie ein Frühjahrsputz. Geschlechtsteile riechen nicht gut, aber wenn man „Good Head"-Creme benutzt, riechen sie nach Erdbeeren. Einfach mal dem Liebsten überraschend die Augenbrauen lecken. Beim Frühstücksbrotschmieren seinen Penis mit Plastikfolie umwickeln. Wieso nicht ein Haarsieb mit Puderzucker füllen und seine Brust bestäuben? Männer finden es erregend, wenn man ihnen mit einem Strohhalm ins Ohr bläst. Ein normal großer Penis passt genau in eine leere Toilettenpapierrolle. Des Mannes errogenste Zone sind die Kniekehlen, denn da endet sein Orgasmus. Bei der Frau endet er in den Zehen. Lakritze bewirkt einen um 40 Prozent gesteigerten Blutfluss in den weiblichen Lenden, bei Männern wirkt Kürbis besser. Einmal die Woche Quickie braucht der Mann, auch wenn die Frau nichts davon hat. Dafür ist es ja schnell vorbei. Alte Kleider nicht zur Heilsarmee geben, sondern zum spontanen Herunterreißen aufbewahren. Sex auf dem laufenden Wäschetrockner ist erregend und effizient. Wenn man einem Mann das Rückrat auf- und ableckt, tut er für einen vielleicht dasselbe. Das ist doch schon allerhand Wissenswertes für einen Abendkurs!

Für einen Abschluss an der "Loveology University" reichte es freilich nicht. Dr. Ava ist Gründerin und Präsidentin dieser Online-Hochschule für Liebes-Coaching. Absolventen des ein– bis sechsmonatigen Studiums verspricht sie fantastische Verdienstmöglichkeiten und „tiefe persönliche Erfüllung". Für 2495 Dollar Fernkursgebühr winken Zertifikate in gleich drei Professionen (Liebes-Coach, Beziehungs-Coach, Sex-Coach, „auch international"). Das Tolle: Der Liebes-Titel gilt auch ohne Abschluss in Sex, und für Sex braucht man nicht zwingend einen Schein in Beziehung. Alle drei Zeugnisse kombiniert jedoch ergeben die Aussicht auf eine Karriere im "zweitschnellst wachsenden Berufsfeld der Welt". 

Es klingt zu und zu verlockend! Doch welche Branche ist die Nummer eins? Dr. Ava lächelt geheimnisvoll und schickt Rebecca, Bananenschalen einsammeln.

Epilog: Die Frage nach der zukunftsträchtigsten Branche ließ uns keine Ruhe. Google behauptet: Sonnenenergie. Und an zweiter Stelle: Windenergie.

Dr. Avas Lehre ist keine heiße Luft.