When Life Gives You Lemons

Zitronenbaum mit Telefonkabelschmuck: ein kalifornisches Stilleben

Zitronenbaum mit Telefonkabelschmuck: ein kalifornisches Stilleben

Wir reden ja nicht so viel über Jahreszeiten hier. Eher über Saisons. Wenn es in Deutschland dunkel wird und die Blätter fallen, beginnt in Kalifornien die schönste Zeit des Jahres: Meyer Lemon Season. Ein befreundeter Schweizer Sternekoch sagt, für ein solches Früchtchen zahlt er vier Franken das Stück. In Lausanne. Hier in LA hat mir die Nachbarin gerade einen großen Korb voll vorbeigebracht. Ihr Baum ist trächtig, sie weiß gar nicht mehr wohin mit der Ernte. „There is only so much Lemonade I can make”, sagte sie, und ich krame wie jedes Jahr im Oktober die LA-Times Ausgabe aus dem Jahr 2008 heraus, „100 Dinge, die man mit Meyer Lemons anstellen kann”. Ein Klassiker, der in keiner kalifornischen Küchenbibliothek fehlt. Meine andere Nachbarin, von Beruf Food-Stylistin, behauptet gar, es sei die beliebteste Rezeptseite unserer Lokalzeitung ever  – neben der, mit der endgültigen Anleitung für den perfekten Thanksgiving-Truthahn. Glaube ich ihr sofort.

Meyer Lemons sind nicht nur hübsch, sie schmecken auch noch besser als Zitronenblüten duften. Man kann sie mitsamt der Schale verspeisen, ohne das Gesicht zu verziehen. Das interessante bisschen Säure, das sie geerbt haben, wird von lieblich blumigen Noten weichgekuschelt, mit einem Hauch Thymian zum Abschied. 

Klingt beinahe wie eine LA-Kreation, kommt aber aus China.  Dort vereinigte sich vor langer Zeit  eine gemeine Zitrone mit einer Mandarine, möglicherweise sogar Orange, so genau weiß man das nicht. Das Ergebnis ist eine zierliche Frucht mit zarter Haut und eidottergelbem Fleisch, die auch deshalb so gut nach LA passt, weil sie früher nur wegen ihres Aussehens beliebt war. In China verschwendete sie sich über Jahrzehnte als hübsches Anhängsel einer Zimmerpflanze, kein Mensch interessierte sich für ihre inneren Werte. Bis das U.S. Department for Agriculture Anfang des 20. Jahrhunderts Frank N. Meyer mit der Mission, neue Pflanzenarten zu entdecken, nach Asien schickte.

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Dieser Meyer, 1875 als Frans Nicolaas Meijer in Amsterdam geboren, 1901 nach Amerika emigriert, war ein exzentrischer Kauz, der auf seinen Exkursionen tausende Kilometer zu Fuß zurücklegte und in wenigen Jahren mehr als 2500 verschiedene Spezies einsammelte, darunter Aprikosen, Sojabohnen und Ginkonüsse. Sein Vermächtnis entdeckte er 1908 auf einem 1800 Kilometer langen Gewaltmarsch in einem Hinterhof in Peking: die Urahnin unseres süßen Zitruszwitters. Sie sollte ihm kein Glück bringen. Auf dem Heimweg seiner nächsten Expedition verschwand Meijer von Bord eines japanischen Schiffes, mit dem er nach Shanghai unterwegs war. Seine Leiche wurde eine Woche später aus dem Yanktze Rivers geborgen. 

Müssen wir nach so langer Vorrede ein Rezept rausrücken? Müssen wir. Kommt bald an dieser Stelle. Wenn Sie uns jetzt jedoch bitte entschuldigen wollen. Wir sind besessen von Nummer 35 auf der LA-Times-Liste der 100 besten Meyer-Lemon-Ideen : „Throw a Meyer lemon for your dog to catch and play with; you'll lose the lemon, but your dog's breath will smell fantastic."

Vielleicht klappt es nächstes Jahr.