Selbstporträt mit Boulevard

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„Die Einwohner von Venice", schrieb das GQ Magazin 2012, „sind cooler als wir, die nur zu Besuch kommen."  Und erklärten unsere Hauptstraße, den Abbot Kinney Boulevard, darauf ungebeten zum „coolsten Block Amerikas". Es nützte nichts, daß die Kollegen von LA Weekly gleich dagegen spotteten: „Cool wohl wegen des Angebots an Surfermoden für Nichtschwimmer, Pizza für Gluten-Intolerante und Friseuren für Langhaarige." Der Fluch war ausgesprochen, und seitdem kämpft unser alter Kiez um seinen Ruf als Trendmeile angestrengter als eine Fashion-Bloggerin um Likes. Wir gehen eigentlich nur noch zu besonderen Gelegenheiten hin.  So wie neulich,  da rief das Abbot Kinney Festival.  Wie seit 33 Jahren, immer am letzten Sonntag im September. Diesmal fühlten wir uns angesichts der schieren Masse an fotogenen Gesichtern zu ein paar Nahaufnahmen inspiriert. Doch kaum zoomten wir heran, drängten sich die Geister der Vergangenheit ins Bild.

Hey Girl, Du spiegelst dich vor meinem alten Schusterladen. Andy hiess der Schuster, und sein persönlicher Abbot Kinney Wendepunkt war, als direkt nebenan "Intelligentsia" eröffnete. Ein Gourmet-Coffeeshop, wo die Barristas mindestens einen Magister in Espresso-Kunst haben. Andy fragte sich, womit die Leute ihr Geld verdienen, die für eine Tasse Kaffee eine halbe Stunde Schlange stehen. Frag' Google, Andy.

Hey Girl, Du spiegelst dich vor der Designerbrillen-Boutique, wo mein alter Schuster 28 Jahre wirkte. Andy hieß der, und er ahnte, dass es seinem Ende zuging, als direkt nebenan eine Filiale von "Intelligentsia" eröffnete. Ein High-Tech Café, wo die Baristas mit einer so vornehmen Herablassung hantieren, als seien sie Performance-Künstler und das hier ihre Show.  Andy fragte sich, womit die Leute ihr Geld verdienen, die morgens um zehn für eine Tasse Kaffee eine halbe Stunde Schlange stehen. Ach, frag' Google, Andy. 

Schaut doch mal, die prächtige Adidas Niederlassung hinter euch: Da hielt Hal's Bar 30 Jahre durch. Hal's gab's schon, da hiess Abbot Kinney noch West Washington Boulevard. Hal's hat Gang-Kriege überlebt und zwei Finanzkrisen und sogar Lindsay Lohan, die sich dort um 2010 mal betrunken hat. Hal's war Clubhaus, Künstlergalerie und einzige Latenight-Bar in der Gegend. Eine zuverlässige Anlaufstelle für Nachtschwärmer aller Farben und Generationen.  Bei Hal's konnte man tiefsinnige Gespräche mit Leuten führen, die man nie wieder sehen würde, und manchmal groovten die wechselnden Jazzmusiker sich dermaßen ein, daß der Barkeeper die Sperrstunde vergaß. Turnschuhe waren bei den Gästen übrigens nicht gern gesehen.

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Diese Street-Surfer wollen gleich zu „Salt and Straw", einer extrem angesagten Eiscrémerie aus Portland. Als Pinkberry, eine nationale Joghurteis-Kette vor zehn Jahren auf der anderen Straßenseite eine Filiale eröffnete, wurden sie vom Venice-Volk mit brennenden Fackeln empfangen. Eine Rebellenzelle namens "Venice Unchained" kämpfte erbittert gegen den Einzug von Corporate America in ihre Hood. Pinkberry musste tatsächlich nach drei Jahren schließen. Aber nicht wegen der Proteststürme. Das Eis war einfach nicht cool genug. Nicht im Bild: Der Parkplatz schräg gegenüber.

Ed Ruschas Abschiedsgruß an Venice (Foto via LA Weekly)

Ed Ruschas Abschiedsgruß an Venice (Foto via LA Weekly)

Dort hatte Ed Ruscha 26 Jahre sein Atelier. Unser Westküsten-Andy-Warhol. 2014 hat ihn die Stadt vertrieben und auf dem Gelände seines Freilichtstudios Parkuhren installiert.

Ruscha ist eine Nachbarschaft weiter östlich gezogen, nach Culver City. (Anders als Venice, ist Culver City nicht cool geboren. Auch darum bemühen sie sich dort jetzt mit günstigem Wohn- und Arbeitsraum um die Kreativen, die sich Venice nicht mehr leisten können.)

Wo waren wir stehengeblieben? Ah, Ecke Santa Clara Avenue. Hinter euch, in diesem hohen Modernist Schmuckkasten, lebt gelegentlich Robert Downey Jr.. Fußläufig zu seinem Stammlokal Gjelina. Er ist der wohl letzte Privatmann auf dem Block, der sein Loft lieber leerstehen lässt, als es an Snapchat zu verkaufen.

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Ach ja, Snapchat. Hat sich bekanntlich halb Venice einverleibt. Diese Drei bevorzugen Instagram. „Es ist wie eine Art Hausbesetzerszene, nur hübscher", sagte mein alter Vermieter, der seit 1965 hinterm Abbot Kinney lebt und dem Trio aus sicherer Entfernung ratlos zuguckte. Er ist Venice-Aktivist der ersten Stunde, doch solch einen Massen-Auflauf hat er noch nie gesehen. 150.000 waren da, erfuhren wir am nächsten Tag. 

Eine Etage weiter unten war alles beim Alten.