Merry, merry Christmas!

Pretty Woman hat schon lange ausgecheckt:  Das Beverly Wilshire Hotel liegt in Sichtweite unserer Bar am Rodeo Drive

Pretty Woman hat schon lange ausgecheckt:  Das Beverly Wilshire Hotel liegt in Sichtweite unserer Bar am Rodeo Drive

Das Bistro „208 Rodeo“ liegt nahe der berühmtesten Einkaufszeile der Stadt, wenn nicht des Landes: Hier, auf dem Kunsthügel am Ende des Rodeo Drive in Beverly Hills, gesellen sich Tiffany, Jimmy Choo und Versace zu asiatischen Luxus-Shoppern, die an weiß gedeckten Tischchen eben mal auftanken müssen. Vor der Boutique, in der „Pretty Woman“ Julia Roberts einst stilvoll erniedrigt wurde, spielt eine Combo „Jingle Bells“, um die Palmen winden sich Lichterketten zu angemessen weihevoller Illumination.

 

Tut mir leid, ich bin spät, ich musste noch eben kurz bei „Williams Sonoma“ nach dem Aluminiumgeweih schauen – du weißt, dieser Riesenkerzenständer, der aussieht, als hätte man mitten im Wohnzimmer einen Hirsch erlegt. Soll sehr beliebt sein als Tischdeko bei SUV-Fahrern. Hast du schon was bestellt?

 

Einen Martini, nur ganz leicht dirty. Schließlich ist gleich Weihnachten.

 

Wieso residierst du an diesem Außenposten?

 

Damit ich Tiffany im Blick habe – falls eine Kardashian auftaucht. Ist dir aufgefallen, wie lange Kims Social-Media-Abstinenz schon anhält?

 

Muss man sich Sorgen machen?

 

Naja, selbst als der Vater ihrer Kinder im Krankenhaus lag und sie ihm angeblich jeden Tag die Kissen richtete, gab’s keinen Instagram-Beweis mit frisch aufgeschüttelten Brüsten. Angeblich verbringen Kim und Kanye das Fest getrennt – sie mit North und Saint und dem K-Lux-Klan, West mit sich und seinen Dämonen. Ich empfehle den Rosé.

 

Der Kellner ist sehr unaufmerksam. Herr Kellner, hallo, stören wir?

 

(Kellner eilt herbei, leicht derangiert): Guten Abend, die Damen, sorry, ich war auf EBay.

 

Können wir was für Sie tun?

 

(Kellner): Verzeihen Sie, ich gewinne gerade in einem Bidding-War. Hatchimals.

 

Gesundheit. Und einen Rosé für mich.

 

(Kellner zischt ab, emsig in sein Handy tippend)

 

Wovon spricht der Mann?

 

Hatchimals! Das begehrteste Spielzeug unserer Zeit! Ausverkauft von Kansas bis Kauai! Nie gehört? Sogar Sara Gruen, immerhin Bestseller-Autorin von diesem Zirkusroman „Wasser für die Elefanten“, hat sich gerade für die Brüter ruiniert. Beziehungsweise ihren Ruf. Weil nämlich herauskam, dass sie auf EBay für mehr als 23.000 Dollar Massen dieser Eier zusammengerafft hat ­­– um sie in der Vorweihnachtszeit gewinnbringend zu verhökern.

Frisch geschlüpft: Ein Pengual aus der Gattung der Hatchimals. Fünfjährige wissen, wovon wir reden

Frisch geschlüpft: Ein Pengual aus der Gattung der Hatchimals. Fünfjährige wissen, wovon wir reden

 

Ich verstehe kein Wort. Von welcher Legebatterie redest du?!

 

Na, Hatchimals kaufst du als dicke, gefleckte Eier, und wenn man sie wärmt und hegt gehörig dran rubbelt, wird eines Tages ein pelziges kleines Wesen geboren. Der Hit im Kinderzimmer. Lernspielzeug.

 

Ach du lieber Himmel. Wohl eher Warnspielzeug. Mir kommen Horden euphorisch ausgebrüteter Überraschungseier vor wie eine schizophrene Vorwegnahme der Angst, welche die Familienpolitik der künftigen Regierung auslöst.

 

Hoi, dein Martini war aber geladen!

 

Ist doch wahr. Wer trägt das Sorgerecht, wenn das Hatchi-Dings geschlüpft ist? Dagegen kommen einem ja sogar Teen-Moms vor wie Über-Mütter.

 

Apropos, meinst du, Brad Pitt schenkt seiner heiligen Familie dieses Jahr auch Eier am Heiligabend?

 

Wenn ich korrigieren darf: Brad Pitt wurde ent-eiert und brütet dieses Jahr einsam unterm Weihnachtsbaum. Und er ist nicht der einzige Glamour-Daddy, den wir gestern noch die Brut säugen sahen und der heute vor verschlossener Kinderzimmertür sitzt. Denk an Tobey Maguire – Spider-Man spinnt jetzt alleine vor sich hin. Ben Affleck? Wohnt im Gästehaus. Anfang 2016 noch unendliches Glück, zum Fest der Liebe dann alles kaputt. Was Johnny Depp wohl macht?

 

Ach, Johnny. Laut Amber, seiner verschlagenen Ex, ist er ja nicht nur ein miserabler Ehemann – „Forbes“ sagt, dass er auch als Investment nichts taugt. Für jeden Dollar, den er kostet, spielt er nur zwei achtzig wieder ein.

 

CHECK, PLEASE!

Unsere Bars – diesmal: 208 Rodeo

208 Rodeo Drive, Beverly Hills, www.208rodeo.com

Aufgetischt Angenehme Touristenfalle mit ganztägigem überteuertem Bar-Food; klassische Cocktails kosten 15 Eier

Aufgelaufen Klassische Beverly-Hills-Elsen mit straffem Zug um Mund und Augen; People-Watcher aus aller Herren Länder

Aufgedreht Klassische Bar-Mucke von Fleetwood Mac bis Nickelback

Aufgeschnappt „Wurde hier ‚Breakfast at Tiffany’s mit Julia Roberts gedreht?“

Auf dieser Geschäftsgrundlage halten Ehen fünfzig Jahre! Wieso ist Hollywood bloß so gierig?

 

Na schau, Leonardo DiCaprio apportiert für jeden Dollar, den das Studio ihm bezahlt, das Neunfache mit seinen Filmen. Und er zieht sich nicht mal ein Kasperlekostüm dafür an wie Käpt’n Sparrow, also: Er hat kein Kino-Franchise, sondern sein Kapital ist einzig seine Künstlerseele, die nach harter, ehrbarer Arbeit verlangt.

 

Sein Künstlerkörper verlangt eher nach Supermodels.

 

Will nur sagen: Wenn der Sack leer bleibt, können die Studios kaum ihre Weihnachtsfeiern finanzieren, deshalb gab’s jetzt zum Fest die Liste – wer war sein Geld wert, wer kriegt die Rute.

 

Ich war dieses Jahr auf einem halben Dutzend Hollywood-Christmas-Partys. Champagner bei Netflix, Sashimi bei NBC, Truthahn bei Sony. Du musst dir keine Sorgen machen, nirgendwo wurde gedarbt und auf Johnny geflucht. Wir wurden reich beschenkt in die warme Nacht entlassen. Aber so richtig beeindruckt hat mich nur eines: der DNA-Test, den es vom History Channel zu Weihnachten gab – damit wir lieben Journalisten ihre Serie „Roots" mit ins Gebet einschließen.

 

Mein Name ist... Kunta Kinte! Peitsch.

 

Sehr gut erinnert, setzen. Von der Sklaven-Saga gibt es jetzt eine blutige Neuauflage.

 

Peitsch, peitsch, peitsch.

 

Genau. Und die will sich zur Awards-Season – nächsten Monat werden schon die Golden Globes verliehen! – eben raffiniert in Erinnerung rufen mit Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin.

 

Du bist heute so gebildet. Ich tue dir jetzt nicht den Gefallen und rufe: Sind das nicht die Teletubbies?! Außerdem habe ich schon einen DNA-Test gemacht – mit meinem Hund. Es kam raus, er sei ein Viertel-Pudel. Das hat er mir bis heute nicht verziehen. Nein, also ich bin unbestechlich. Wenn's nach mir geht, gewinnt sowieso nur einer: Ryan Gosling. Bester Darsteller und glücklichster Familienvater.

 

Habt ihr euch wieder über eure Tölen ausgetauscht?

 

Es kann doch kein Zufall sein, dass sie beide George heißen! Habe ich dir erzählt, dass er bei meinem Interview letzte Woche einen bestickten Weihnachtspullover trug?

 

Wer jetzt, Herr oder Hund?

 

Sehr witzig. Er war grobgestrickt und von wunderlichen Stickereien übersät, ausgesprochen hässlich, aber das trägt man so um diese Jahreszeit.

Kein ugly sweater kann Ryan Gosling entstellen

Kein ugly sweater kann Ryan Gosling entstellen

 

Drüben bei Versace gibt es jetzt auch die beliebten „ugly Christmas sweaters“ in schön und teuer. Strick gegen jede Vernunft. Hast du Goslings Ode auf Roomba in der Talkshow von Ellen DeGeneres gesehen?

 

Nein! Auf mich wirkt er eher wie ein Freund des Foxtrott.

 

Quatsch, er pries seinen Staubsauger-Roboter. Da fällt mir ein, dass Eva Mendes, die Mutter seiner beiden Kinder, mir im Sommer erzählte, wie gern sie Geschirr spült. Gerade an Feiertagen mit großen Familienfressen melde sie sich freiwillig am Becken, um Berge von schmutzigen Tellern abzutragen. Das habe etwas Kathartisches, sagte sie.

 

The couple that cleans together, stays together.

 

Ob Brad es mal mit Palmolive probieren sollte?

 

(Kellner gleitet mit Rosé vorüber)

 

Sir? Das ist, glaube ich, für uns.

 

(Kellner, strahlend): Ich habe gerade einen Pengual geschossen, der Wein geht aufs Haus.

 

Bitte frag' nicht. Penguals sind Hatchimals, bei denen ein Pinguin im Ei steckt. Sara Gruen wurde übrigens von allen Seiten für ihren allzu scharfen Geschäftssinn angegiftet. Du weißt ja, Gier ist wieder gut – aber erst ab 20. Januar. Wie feierst du eigentlich?

 

Ich brüte mit der Kernfamilie in Deutschland. Heilig Abend muss hermetisch sein. Alle Türen verrammelt, Glocken läuten, stille Nacht. Hier ist doch immer nur Party. Und du?

 

Ich boykottiere Weihnachten auf die jüdische Art, meine Freunde haben mich zu Hanukkha eingeladen. Gibt Kartoffelpuffer mit viel Wein und wenig Gebeten, sie sind gottlob nicht sehr religiös.

 

 (Am Beverly Wilshire Hotel gegenüber gehen die Lichter an. Die asiatischen Touristen richten das Zoom auf die festlich erleuchtete Herberge, in der einst „Pretty Woman“ im Geldausgeben ihre wahre Bestimmung fand)

 

Man braucht sich nur amerikanische Weihnachten anzuschauen, um das schauerliche Gewicht unserer Kultur zu spüren. Die amerikanische Gruppe bleibt offen, die deutsche Zelle schafft sich einen geschlossenen Raum.

 

Ist dir nicht gut?

 

'tschuldigung. Es ist das einzige Zitat von Jean Baudrillard, das ich auswendig kenne. Seine Beobachtungen zum kalifornischen Strandleben passen gerade so gut.

 

Und worauf trinken wir?

 

Auf die Evolution.

 

Leider gibt es keinen Goldschlager in der Bar über Tiffany's. Aber ordentlichen Rosé.

Leider gibt es keinen Goldschlager in der Bar über Tiffany's. Aber ordentlichen Rosé.