Malls of LA (2): Century City

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Thanksgiving ist da, wir haben 30 Grad und noch keine Weihnachtsgeschenke – höchste Zeit, das neueste Luxus-Shopping-Nirwana der Stadt auszukundschaften. Eine Milliarde Dollar hat die Schönheitsoperation gekostet, der sich die Westfield Century City Mall unterzogen hat: ein 120.000 Quadratmeter großer Block am Santa-Monica-Boulevard, der prestige-technisch ein wenig unvermittelt zwischen den Edel-Boutiquen von Beverly Hills im Osten und Santa Monicas Hipster-Strandleben im Westen trutzt. Immerhin wurde hier vor dreißig Jahren "Die Hard" gedreht – im 150 Meter hohen Fox-Plaza-Wolkenkratzer zwei Ecken weiter, der als "Nakatomi Plaza" im Film von Bruce Willis schön ramponiert wurde. 

Santa-Monica-Boulevard, Ecke Avenue of the Stars: Letzteres klingt vielversprechend. Kommen die denn auch zum Shoppen?

Santa-Monica-Boulevard, Ecke Avenue of the Stars: Letzteres klingt vielversprechend. Kommen die denn auch zum Shoppen?

Schwer totzukriegen ist auch diese Mall: 1964 eröffnete sie als "Century Shopping Square" auf einem Grundstück, das damals noch den benachbarten Fox-Filmstudios gehörte. Sie hat schon einige "nips & tucks" hinter sich, zuletzt 2004, als das alte Kino auf dem Dachgeschoss durch ein prächtiges Multiplex mit Restaurant-Terrasse ersetzt wurde.

Den Container Store gibt es immer noch. Aber wir haben ihn bei unserem ersten Besuch vor lauter Staunen glatt übersehen

Den Container Store gibt es immer noch. Aber wir haben ihn bei unserem ersten Besuch vor lauter Staunen glatt übersehen

In den Bürotürmen von Century City arbeiten die Verwalter der Stars; Anwälte, Manager, Publicists, leicht zu erkennen an ihrer seltsam förmlichen Aufmachung zwischen shoppenden Teenies und luftig bekleideten Touristen. Doch trotz eingebauter Klientel  (bei unserem Abstecher war um die Mittagszeit der Boss-Laden besser besucht als H&M) erging es der Century City Mall vor ihrem Facelift wie allen Dinosauriern. Sie drohte auszusterben. Auch wir schauten eigentlich nur noch auf dem Weg zum Kino im Container Store vorbei; bekannt für Regalsysteme und hübsche Mülleimer.

Die Mall als "Zufluchtsort" – wovor, dem Internet?

Jetzt hat der australische Eigner, dem weltweit 35 Westfield-Zentren gehören, sich vorgenommen, das Einkaufen neu zu erfinden. Nach zweijähriger Aufrüstung will die Century City Mall es nämlich mit ihrer größten Konkurrenz aufnehmen: dem Internet.

Denn mit Waren allein lockt man die Net-A-Porter- und Amazon-Kundschaft kaum noch hinterm Bildschirm vor. Während früher Malls hauptsächlich Orte waren, an denen die Leute auf geballtem Raum alles fanden, was sie nicht suchten, wo sie kauften, was sie nicht brauchten, um dann so schnell wie möglich wieder zum (meist hart erkämpften) Parkplatz zu streben, klingt das Konzept fürs Jahrhundert-Werk wie ein Drei-Sterne-Verwöhnurlaub, Gourmet-Verpflegung inklusive. "Die Mall soll ein Zufluchtsort sein", zitiert die "Los Angeles Times" den Geschäftsführer und Gründersohn Peter Lowy. Man habe etwas "Angenehmes" gebaut, "relaxing" sei die Stätte auf allen Daseins-Ebenen (zwei davon sind zum Shoppen, im Untergeschoss ist noch ein Supermarkt).

An Überwachungskameras in Tiefgaragen sind wir gewöhnt, aber so detailverliebte Parkzettel sind auch in Silicon Beach noch selten

An Überwachungskameras in Tiefgaragen sind wir gewöhnt, aber so detailverliebte Parkzettel sind auch in Silicon Beach noch selten

Fängt schon bei der Einfahrt an: Es gibt fünf Valet-Parkstationen, wo man von uniformierten jungen Männern von seinem Gefährt befreit wird. Wer lieber selbst parkt, aber den Stress des Platzsuchens in der Tiefgarage vermeiden will, kann sich zu Hause online anmelden; der Schlagbalken geht nach Scannen der Autonummer sofort sofort hoch, und die Monitore an der Decke leiten ans reservierte Plätzchen. "Smart Parking" kostet 20 Dollar für vier Stunden – stolzer Preis fürs "reibungslose" Shopping-Erlebnis. "Reibungslos" ist das Zauberwort der Westfield-Macher: Fürs VIP-Publikum haben sie zum Beispiel versteckte Aufzüge installiert; auch bleiben die Geschäfte länger auf, wenn sich hohe Kundschaft ankündigt.

Den VIP-Service organisiert die gleiche Truppe, die am Flughafen LAX im vergangenen Jahr einen privaten Terminal eröffnet hat, in dem das ganze Security-Gedöns fernab von Plebs und Paparazzi in exklusiven Suiten vollzogen wird. Nüsschen und Champagner stehen bereit, dito Gebetsteppiche für den Sultan und seine Familie. Wenn man dann mit einem 7er-BMW zur Boeing chauffiert wird, ist man in aller Ruhe 3500 Dollar für einen inneramerikanischen, 4000 für einen Flug nach Übersee los.

Was uns beim Schlendern so ins Auge fiel

Also, nächstes Mal nehmen wir das Fahrrad. Oder ordern gleich ein Uber.

Die Uber-Lounge ist die erste weltweit, in ihr – statt blöd am Straßenrand – kann man abhängen, bis der Fahrer eintrudelt. Gleichzeitig können interessierte Hobby-Chauffeure mal einen Blick in die Arbeitsverträge werfen; das Wartezimmer als Rekrutierungsplatz, "Uber Wants You". Schick, aber zu rummelig? Auf dem Bänkchen vor der vertikalen Bepflanzung kann man auch ganz allein aufs Auto warten... och nö, doch nicht: Im Gebüsch steckt eine Kamera

Dabei ist die Orientierung so einfach wie die Partnersuche auf Tinder... (man beachte den Wisch-Finger)

Dabei ist die Orientierung so einfach wie die Partnersuche auf Tinder... (man beachte den Wisch-Finger)

Alles schon sehr einnehmend, aber im Vergleich zu den Annehmlichkeiten, welche die Erste-Klasse-Kundschaft erwartet, wie Easy-Jet zu Singapore Airlines. Für schlappe 1500 Dollar hätten wir Halbtagszutritt in die "Private Suite Century City" gefunden. Da geht's dann über die VIP-Rampe in eine separate Garage, wo uns schon drei "dedicated team members" erwarten und in eben jene private Suite geleiten. Von dort surrt man im Privat-Lift zu den Restaurants und die mehr als 200 Läden, wo sich weitere dienstbare Geister bereithalten. Tönt die Lokalpresse: "Einkaufen wird nie wieder so sein wie zuvor!" 

Tüten schleppen? VIP doch nicht: kaum ausgesucht, warten die neuen Schätze schon im Auto, wenn man wieder nach Hause fährt. Am Kino Schlange stehen? Puh-leeeeeze: Der geschätzte Gast schlüpft entweder durch ein Extratürchen in den Saal. Oder, wenn das Ego noch mehr Raum braucht, wird das Lichtspielhaus auch schon mal geschlossen für eine Privatvorführung. In die Umkleidekabine quetschen? No-no: Die Klamotte wird bei Bedarf in erwähnte Privatsuite geliefert; Barbra Streisand würde doch auch nicht im billigen Neonlicht anprobieren.

Aber dafür verpasst sie den majestätischen Rolltreppenaufstieg.

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Und die schöne Aussicht. Tipp: Wenn die Auslagen langweilen, einfach mal an die Decke starren.

Jede Ecke eine Selfie-Einladung, jeder Stein wie aus "Architectural Digest". Wir konnten gar nicht mehr aufhören zu knipsen, bis uns ein Sicherheitsbeamter erwischte. In der fotogenen Mall ist Fotografieren verboten. Also, mit richtigen Kameras. Eine Anti-Paparazzi-Maßnahme, um die prominente Kundschaft nicht zu verschrecken. 

Nur die Hälte der Etablissements hier sind Geschäfte. So wie Starbucks einst aus der Kaffeebude jedermanns liebstes Wohnzimmer gemacht hat, versuchen moderne Malls, mit sogenannten Lifestyle-Angeboten die Einkäufer quasi in Einwohner umzuwandeln. So lockt hier ein riesiges Fitnessstudio – ein nobles natürlich, mit Holzfußboden und Rosenduft. Entertainment? Bitteschön, hoch drei: Steven Spielberg will 2018 einen Virtual-Reality-Spielplatz namens "Dreamscape Immersion" eröffnen; er richtet sich an Gamer, die nicht allein vor dem Computer spielen wollen, sondern eine "Multi-Person-Erfahrung" in 3-D suchen. 

Außerdem im Angebot: "Kyrotherapie"-Kabinen, also diese Kurz-Kälte-Schock-Behandlungen, die beim Abnehmen und Jungbleiben helfen sollen. Local Heroes wie Kobe Bryant und Jennifer Aniston sind große Fans. Zwei bis vier Minuten bei minus 130 Grad – im Los-Angeles-Winter durchaus erfreuliche Aussichten.

Gwyneth Paltrow hatte uns via ihrer Website "Goop" auf LA-untypische Moden heiß gemacht. Ihre Empfehlung leitete uns zu: Aritzia, eine kanadische Bekleidungskette mit Waren, die im winterlichen Ottawa gewiss unentbehrlich sind.

Dicke Daunenmäntel, unförmige Wollpullover in Bärenbraun und Matschgrau. Vielleicht etwas für die jetsettende Anwältin aus den Bürotürmen von nebenan? 

Beim Stöbern gelernt: Neu an der Mall ist vor allem, dass es hier E-Commerce-Läden aus Fleisch und Blut gibt. Den Herrenbekleider Bonobos aus New York zum Beispiel oder den Brillenladen Warby Parker – erfunden für den Online-Shopper, der Kaufhausluft grauslig findet. HIer bietet sich das ganze Zeugs leibhaftig dem geneigten Auge dar – so Avantgarde!

Ein Herrenausstatter mit integrierter Änderungsschneiderin. Nicht im Bild: der Herrenausstatter gleich nebenan und auch nicht der direkt gegenüber. So findet sich die Online-Kundschaft  offline zurecht: alles schön nach Kategorien geordnet

Ein Herrenausstatter mit integrierter Änderungsschneiderin. Nicht im Bild: der Herrenausstatter gleich nebenan und auch nicht der direkt gegenüber. So findet sich die Online-Kundschaft  offline zurecht: alles schön nach Kategorien geordnet

Und schließlich...

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Das Mutterschiff ist gelandet. Amazon versucht neuerdings, mit einem halben Dutzend "richtiger" Läden zwischen Silicon Valley und New York City unser Offline-Einkaufsverhalten neu zu programmieren. Funktioniert wie dot-com, nur mit Anfassen; auch mit den vertrauten Gebrauchsanweisungen. So fanden wir beim ersten "Amazon Bookstore" in der Stadt diese Empfehlungen vereint:

Wenn Sie Hunde auf Instagram süß finden, dann interessieren Sie sich doch bestimmt auch für ausgefeilte Schlacht-Techniken? #irgendwasmittieren

Wenn Sie Hunde auf Instagram süß finden, dann interessieren Sie sich doch bestimmt auch für ausgefeilte Schlacht-Techniken? #irgendwasmittieren

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Verweile doch, du bist so schön...

Für die Möblierung zeichnet die Designerin Kelly Wearstler verantwortlich. Die hat sich als Innenaustatterin an südkalifornischen Boutique-Hotels ausprobiert. Sieht man. 

Wir mögen die Mischung aus futuristisch und verspielt, wie "Blade Runner" mit Ryan Gosling. Und überhaupt erinnert uns das Ganze an "Minority Report": Wer sich von einer der zwanglos über die Mall verteilten Kameras abtasten lässt, kriegt passende Werbung an die Wand geworfen.  

In unserem Fall....

In unserem Fall....

Nun aber zum Wichtigsten.

Zum Essen.

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Im Oktober eröffnete dieser Ableger des Eataly-Markts – nach New York, Chicago, München, Turin und so weiter war LA letzter Sieger. Dafür ist hier alles aufregender...

...nämlich mit Türstehern wie in der Disco. Mit Brot, dessen Mutterhefe aus Italy stammt und das deshalb acht Dollar der Laib kostet. Und mit Joghurt, ebenfalls acht Dollar das Gläschen, dafür handgeschöpft und mit Liebe gesäuert. Motto: "Eat better, live better." Schon gut.

Nach dem Türsteher ist vor dem Pizza-Empfang

Nach dem Türsteher ist vor dem Pizza-Empfang

Chef des hiesigen Eataly ist der New Yorker Food-Unternehmer Mario Batali, der dafür gesorgt hat, dass seine die weltweit einzige Filiale ist, in der kalifornische Weine ausgeschenkt werden. Weil Batali außerdem ungut auffiel durch eine Klage – er hat den Kellnern in seinen New Yorker Restaurants das Trinkgeld abgeknöpft –, gehen wir lieber essen beim angeblich besten Fisch-Koch von LA.

Michael Cimarusti ist der letzte Küchenchef, der noch zwei Michelin-Sterne abbekam, ehe die Restaurant-Tester 2016 ihren LA-Führer einstellten. In seinem "Il Pesce Cucina"-Außenposten serviert der Mann mit dem Rübezahlbart lauwarmen (aus Versehen) Kabeljau zu 26 Dollar (mit Absicht; ohne Beilagen).

Noch ein Wort zum Dresscode: Wie's scheint, zieht man sich etwas eleganter an, als wenn man mal eben zu "Target" zwitschert. 

Beim Eröffnungskonzert im Oktober – Joe Jonas und Band bespielten den tausend Gäste fassenden "Atrium"-Konzertplatz zwischen Tiffany-, Tesla- und Tumi-Fassaden – traten übrigens als Überraschungsgast die Village People auf. 

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Wir sind uns noch noch nicht einig, ob die nun under- oder overdressed waren.


Hier geht es zu Teil 1 unserer Serie "Malls of LA: Alpine Village"