Malls of LA (1): Alpine Village

 Eine Einladung, die wir nicht abschlagen konnten

Eine Einladung, die wir nicht abschlagen konnten

 

Es ist komisch mit uns Deutschen in LA. Während zum Beispiel unsere südkoreanischen Mitbürger hingebungsvoll ihre Kultur pflegen und ultramoderne Zentren mitten in der Stadt bauen, wo alles zu haben ist, was in Seoul gerade angesagt ist, von der Sheet-Mask bis zu Kale-Kimchi, hinterlassen deutsche Einwanderer nur verschämte Spuren. Eine Bäckerei hier, ein Currywurst-Stand da. Nix Little Germany.  Wir haben nur: das Alpine Village.

Die deutsche Shopping-Enklave liegt wie eine verlassene Kulisse an einer Autobahnkreuzung 15 Meilen südlich von LA. Eine Art Disney-Germany mit Fachwerkhäusern, Kopfsteinpflaster, Bierbeisl und Beethoven-Büste, präsentiert mit dem Charme einer pfälzischen Kleinstadt. Amerikaner bekommen beim Besuch alles, was sie aus Germany erwarten: Gartenzwerge, Bier aus Stein und Dirndlbusen. War da noch was?

So viele Jahre haben wir an unserem Image gearbeitet. Hollywoodfilme finanziert, Aldi aufgehübscht und als Trader Joe's nach Amerika exportiert, Berliner Hipster als Kunstbotschafter geschickt und uns als Sommermärchen erzählt. Doch hier ist alles noch genauso wie damals, als Josef Bischof, Einwanderer erster Generation, 1965 einen Biergarten am Torrance Boulevard eröffnete.

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Eigentlich wollten unsere amerikanischen Gäste aufs Oktoberfest, das älteste (49 Jahre!) und längste (vom 8. September bis Ende Oktober!) der Nation. Von draußen umpf-tata-te es verlockend, doch dann verriet uns der zahnlose Herr am Einlass (10 Dollar), dass es nach fünf Uhr nachmittags kein Bier mehr gibt. Am Eröffnungs-Sonntag. Ein Blick auf die verwaisten Bänke im dämmrigen Zelt vereinfachte die Entscheidung, auf ein Warsteiner im Plastikbecher zu verzichten und stattdessen einen Spaziergang durchs Viertel zu unternehmen. 

Die Läden waren geöffnet, doch das Village wirkte ausgestorben. Wie an einem echten deutschen Sonntag. Wir folgten einem Herren, der zu wissen schien, wo's lang geht. Aus der Drogerie waberten vertraute Gerüche.

„Smells like Oma" juchzte eine mittelalte Amerikanerin, die sich bei "Alpine Cosmetics" mit 4711 einsprühte. Dort gibt es auch Omas Lieblingsseife. 

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Leider sind Omas mit der Entdeckung von Botox und Fillern in Los Angeles so gut wie ausgestorben. Doch die Sehnsucht nach der bedrohten Spezies sitzt tief. 

 


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Im Steinhaus ist ganzjährig Oktoberfest. Will heißen, das Bier wird im "Stein" zu Tanzmusik serviert. Die japanischen und koreanischen Einwanderer aus Torrance kommen haufenweise hierher, wenn sie die Lust auf Schweineschnitzel plagt. Unsere Omas tanzen lieber. Sonntags ist Salsa-Nacht! 

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Gleich nebenan: die Wedding Chapel. Angeblich heiraten dort mindestens so viele Ukrainer wie deutsch-amerikanische Paare. 


Oh Verzeihung, wir wollten ja eigentlich was übers Einkaufen schreiben. Außer Drogeriewaren ist deutsches Bequem-Schuhwerk zu stark reduzierten Preisen im Angebot. Get them while they last! 

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Die Schaufenster sind verstaubt, drinnen ist fotografieren verboten. Zu den gefährdeten Objekten gehören Trachtenmoden, Bronzebüsten und natürlich jede Menge Nippes. Das geläufige amerikanische Wort für Nippes kommt übrigens aus dem Jiddischen und heisst tchotchke. Weniger charmant könnte man auch sagen: knicknack, doodad, gewgaw und whatnot. 

Natürlich sind wir nicht mit leeren Taschen nach Hause gefahren. Denn am Ende unseres Rundgangs wartete ein deutsches Stilleben.

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A German Schlaraffenland: Hier hängt die Wurst!

Einen Moment hinterfragten wir, was das Angebot dem unvoreingenommenen Besucher wohl übers Deutschsein erzählt. Die Bier-und Schnapsabteilung ist unverhältnismäßig groß, die Hausfrau braucht offensichtlich jede Hilfe aus der Geschmacksfabrik und kann Kartoffelknödel nur aus der Packung, ohne Senf geht gar nix. Beschämend. Aber auch rührend.

Dann schlugen wir zu.

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Auf Wiedersehen!

(Fotos: Chuck Mason)