Danke für die Störung

Origami zum Bewohnen: Der Architekt Eric Owen Moss hat seit bald 30 Jahren eine Stadt in der Stadt gebaut für das Unternehmerpaar Frederick und Laurie Samitaur. Im sogenannten Hayden Tract von Culver City schrauben und falten sich mehr als 20 seiner kühnen Projekte aus dem Boden, hier "Pterodactyl" von 2015, Hauptquartier einer Medien-Company

Origami zum Bewohnen: Der Architekt Eric Owen Moss hat seit bald 30 Jahren eine Stadt in der Stadt gebaut für das Unternehmerpaar Frederick und Laurie Samitaur. Im sogenannten Hayden Tract von Culver City schrauben und falten sich mehr als 20 seiner kühnen Projekte aus dem Boden, hier "Pterodactyl" von 2015, Hauptquartier einer Medien-Company

"Waffle House": neue Heimat des Restaurants "Vespertine"

"Waffle House": neue Heimat des Restaurants "Vespertine"

Los Angeles hat keine Bau-Geschichte, sagt der Architekt, daher kann er sich austoben: Büroturm an der Kreuzung von Jefferson und National Boulevard

Los Angeles hat keine Bau-Geschichte, sagt der Architekt, daher kann er sich austoben: Büroturm an der Kreuzung von Jefferson und National Boulevard

Weiße Wände, gebleichtes Eichengestühl und eine Espresso-Anlage wie aus Raumschiff Orion: „Destroyer“, der selbsterklärte „Neo-Coffeeshop“, liegt in einem ehemaligen Industriegebiet von West-Los Angeles. Im „Hayden Tract“ toben sich die Kreativen aus: Werber, Filmemacher, Architekten – und jetzt auch Spitzenköche.

 

Oh, hallo, du hast uns schon Margaritas bestellt? Sorry, bin zu spät, ich wusste nicht, dass man hier die Parkuhren noch mit Münzen füttern muss.

 

Ich habe mir erlaubt vorzubestellen, weil der Laden um halb vier zumacht. Gehört alles zum Konzept.

 

Was für ein Konzept? Cheers! (trinkt) Hm, die Tequila-Aromen sind sehr subtil, aber ich mag die Ingwernote, mal was anderes.

 

Pst, ich will dich nicht enttäuschen, aber – das ist Zitronenelixier mit Sodawasser.

 

Sprudel?!

 

Na und? Brad Pitt trinkt auch nichts anderes mehr.

 

Cranberry-Saft und Mineralwasser.

 

Was?

 

Brads Ersatzdroge. Seitdem er das statt Alk in sich reinschüttet, hat er die saubersten Harnleiter von ganz Los Angeles. Ich hab' das GQ-Interview auch gelesen.

 

Sein Bedürfnis nach innerer Reinigung und Absolution entspricht dem Zeitgeist, sieh' dich um.

 

Du meinst das Hologram an der Wand? Sind das Bibelzitate? Ich habe meine Brille nicht dabei.

 

Das ist das Menü. Keine Sorge, ich habe schon für uns bestellt.

 

(Junge, bleiche Kellnerin mit blaugefärbtem Zopf passend zur Jeansschürze schreitet heran und stellt ein tönernes Schälchen auf den Tisch): Erbsenzärtlichkeit mit Hiobstränen...

 

Wöh?! Kicher-erbsen?

 

(Kellnerin, ungerührt): ...im Bett mit Stachelbeeren und Wintersahne!

 

Sieht köstlich aus!

 

(Kellnerin): Ich könnte jeden Tag niederknien vor unserem Chef Jordan Kahn!

 

Kahn, Kahn, irgendwie kommt mir das bekannt vor. War da nicht was? Oliver kann's nicht sein...

Männer gehören an den Herd: Spitzenkoch Jordan Kahn, leicht verfusselt

Männer gehören an den Herd: Spitzenkoch Jordan Kahn, leicht verfusselt

 

Irene.

 

Hm? Oh, jetzt weiß ich's wieder: S. Irene Virbila! Die gefürchtetste Restaurantkritikerin der Stadt. War dieser Kahn nicht schuld an ihrem Outing und dem jähen Ende ihrer Karriere bei der „L.A. Times“?

 

Was du für ein selektives Gedächtnis hast. Ich musste ihn erst googeln. Der Mensch, der hier mit Hiobstränen kocht, operierte früher in der Küche von „Red Medicine“, einem vietnamesischen Lokal, das S. Irene sich vorknöpfen wollte. Doch nach 40 Minuten demütigender Wartezeit bekam sie keinen Platz, sondern Blitzlicht ins Gesicht. Ihr Foto verschickten die Medicine-Männer zur Warnung in alle Küchen der Stadt. S. Irene konnte einpacken, ihre Tarnung war aufgeflogen. Kahn und Co. hatten die heilige Kuh geschlachtet.

Frauen gehören auch an den Herd, aber nicht an den von Jordan Kahn: die Restaurantkritikerin Irene S. Virbilia, geoutet von empfindlichen Köchen

Frauen gehören auch an den Herd, aber nicht an den von Jordan Kahn: die Restaurantkritikerin Irene S. Virbilia, geoutet von empfindlichen Köchen

 

Deshalb nennt er sein Restaurant „Destroyer", verstehe! Ironische Anspielung auf diesen Tabubruch.

 

(Kellnerin serviert ein weiteres irdenes Schüsselchen): Unser Blumenkohl. Wir haben die Röschen heute mit knuspriger Hühnerhaut besprenkelt.

 

Köstlich! So erbaulich! Warum heißt das Lokal bloß „Destroyer“?

 

(Kellnerin, beflissen): Destroyer war der große Komet von 1680, dem Abergläubische damals Schuld an der Sintflut und am Trojanischen Krieg gaben und den sie für den Vorboten weiterer Katastrophen hielten. In Wirklichkeit, sagt unser Chef, bewirken Schweifsterne nur Gutes, ihre Dämpfe beleben unseren Planeten.

 

Toll. Ein Rosé wäre jetzt allerdings auch belebend.

 

Kriegst du bestimmt, wenn der Bienenstock da drüben erst mal auf hat.

 

(Blicken auf ein rostrotes stählernes Wabengebilde gegenüber, das sich vierstöckig aus dem Asphalt windet)

 

Meister Kahn will darin bald 22 auserwählte Gäste mit 24 Gängen für 250 Dollar erleuchten. Sogar die Seife auf dem Klo ist Kunst, habe ich gehört. Der Bauherr nennt das Gebäude „Die Waffel".

 

Verstehe, weil Kahn einen an derselben hat?

 

Nicht so negativ, bitte: „Vespertine" wird eine Fünf-Sinne-Erfahrung, das gastronomische Äquivalent zu einem Björk-Album – und die Startrampe für den Eintritt unserer Stadt in die Gourmet-Stratosphäre.

 

Verzeihung, haben wir nicht schon jede Menge Michelin-Stern-bestückter Läden, die begehrter sind als eine Audition bei Steven Spielberg?

 

Pfff, LA kann immer noch nicht mit New York, Madrid oder Kopenhagen konkurrieren.

 

Kopenhagen!

 

Naja, „Noma“! Du weißt schon. Das beste Restaurant der Welt. Sagt Jonathan Gold.

 

Der „Times“-Fresskritiker, Irenes Nachfolger?

 

Genau der. Er war gerade in Tulum im Pop-Up-Restaurant des „Noma“-Kochs. Der war mit seinem ganzen Tross aus Dänemark nach Mexiko geflogen, um die dortige Küche zu dekonstruieren. Was stocherst du so in deinen Erbsen, nicht gut?

 

Doch, schon, ich weiß nur nicht, was das dekorative Gelbe ist, sehr dekonstruktiv...


Kahn'sche Kreationen: Hühner-Confit mit Haselnüssen, Eier mit Pilzen und Salt, Wagyu-Beef mit Blümchen, schwarze Karotten mit Grünkohl

Kahn'sche Kreationen: Hühner-Confit mit Haselnüssen, Eier mit Pilzen und Salt, Wagyu-Beef mit Blümchen, schwarze Karotten mit Grünkohl


 

Das sind die Hiobstränen, eine alte japanische Gerstensorte. Der „Noma“-Mann jedenfalls hat ein 600-Dollar-Menü mit Grashüpfern in Tortillas und pochierten Ameiseneiern serviert.

 

Ich hoffe, Magenbitter war mit dabei.

 

Inklusive Wein. Alle Abende waren innerhalb von 24 Stunden ausverkauft.

 

Wundert mich nicht. Tulum ist voll von Hollywood-First-Wives, die ihre bitter erstrittene Kohle entweder in Yoga-Retreats oder Vaginalverjüngung anlegen, warum nicht in Heuschrecken.

 

Sei nicht so garstig. Gold gibt ja zu, dass Luxus-Dinner in Schwellenländern einen Hautgout haben – aber Schönheit entsteht aus Kontrast. Sein Argument: Es war ja auch pietätslos, in einem armen Land wie den Philippinen einen Hollywood-Film zu drehen, und trotzdem ist „Apocalypse Now“ ein Meisterwerk.

 

Argumentiert aus der Sicht der Heuschrecke... Wenigstens braucht Gold keine Angst zu haben, geoutet zu werden, seine Visage kennt nämlich jeder.

 

Tja, zu Irenes Blütezeit gab’s noch kein Instagram. Früher war es ein No-No, Leute bloßzustellen, die gerne anonym blieben – aber heute ist es die Anonymität, die verpönt ist.

 

Ich fürchte, ich kann dir nicht ganz folgen.

 

Ich meine: Jedes Tabu ist irgendwann fällig – und dann wird es gebrochen, und keiner weint ihm eine Hiobsträne nach. Früher wurde eine wie Ingrid Bergman aus Hollywood verjagt, weil sie sich mit einem verheirateten Mann einließ. Heute wechseln Stars ihre sexuellen Vorlieben wie ihre Frisuren, und kein Mensch regt sich mehr auf.

 

CHECK, PLEASE!

Unsere Bars – diesmal: Destroyer

3578 Hayden Avenue, Culver City, www.destroyer.la.com

Aufgetischt Wohlfühlessen für die Zukunft, pro Keramikschälchen ca. 15 Dollar. Blutorangen-Tonic: 5 Dollar. Weißer Tee aus fairem Anbau: 6 Dollar. Kein Alkohol, kein Bares – nur Kartenzahlung

Aufgelaufen Raumpatrouille meets skandinavischen Minimalismus. In der offenen Küche schnibbeln Kahn-Jünger in ergriffenem Schweigen, während an den Holztischen vor der Tür die gutgekleidete Kundschaft ihre kunstvollen Tattoos sonnt

Aufgedreht Sphärenklänge, gelegentlich unterbrochen vom Presskluftgehämmer der umliegenden Baustellen

Aufgeschnappt „Für mich bitte keine Shiitake, ich leide unter einer Pilzphobie.“

Tabu... schon dieses Wort! Erinnert mich unheilvoll an Zeitschriftengeschichten über enthemmte Hausfrauen.

 

Also, tabu ist weiterhin, ungefragt Weißbrot auf den Tisch zu stellen.

 

Und Achselhaar. Und Ryan Gosling nach seinen Babys zu fragen.

 

Wie kommst du jetzt auf den?

 

Ist mir gerade passiert. Ich hatte ein Interview mit ihm, und die PR-Frau sagt zu mir an der Tür: Fragen Sie ihn bloß nicht nach seinem Privatleben. Das ist für Sie tabu.

 

Was hast du gemacht?

 

Über seinen Hund geredet. Die Gören sind mir eh schnurz.

 

(Kellnerin lüpft die leeren Schüsselchen, flüstert): Er war schon mal hier. Soooo liebenswürdig. Da drüben ist seine Agentur.

 

Werbung? Ryan macht jetzt Werbung?

 

Ach, die Süße meint seine PR-Leute. Das Büro ist in diesem UFO-ähnlichen Konstrukt da drüben, „Anonymous Content“.

 

Ich liebe diesen Namen. Ich stelle mir darunter immer die Wahrheiten vor, die wir nicht schreiben dürfen – dass der Star M. aus dem Maul stinkt wie ein Grottenolm oder die singende Diva morgens um zehn schon knülleblau ist.

 

Wie, wen meinst du?!

 

Ruhig Blut, das hab ich mir nur ausgedacht.

 

Quatsch, soviel Phantasie hast du gar nicht! Nun sag schon!

 

Liest du nicht mehr „Blind Items“? Ich schaue jeden Tag auf crazynightsanddays.net nach. Weißt du noch, wie wir gerätselt haben, welcher Hollywood-Star im Glauben aufwuchs, seine Mutter sei seine Schwester?

 

Ach ja, das war schön. Unsere Kreuzworträtsel. Anspielungen, Hinweise... und mittendrin das Unaussprechliche. Geschichten, über die man eigentlich nicht reden darf, aber raten ist erlaubt. Das Kind war Jack Nicholson.

 

Gerade gelesen: Eine frühere Fast-A-Listen-Schauspielerin, die sich inzwischen als Hostess verdingt, musste vor zwei Wochen ihren Schmuck verkaufen, um Schulden abzuzahlen – sonst wäre sie wieder verprügelt worden. Na?

 

Keine Ahnung. Was raten die in den Kommentaren?

 

Lindsay Lohan.

 

Hmmmm...

 

Ich sehe „Blind Items“ als Rache für die vielen Maulkörbe, die uns angelegt werden. Aber ich gebe zu, sie werden immer uninteressanter, weil es eben immer weniger Tabus gibt.

 

Schwulsein in Hollywood vielleicht?

 

Ich habe gerade mit einem Agenten geplaudert, der tönte, in seiner Branche sei es von großem Vorteil, schwul zu sein. Nein, da geht was.

 

Mir fällt nur ein verbotenes Terrain ein: Schönheitsoperationen. Ich hab was machen lassen! Hat niemand je gerufen.

 

Also, Susan Sarandon steht dazu, dass sie ihre Hiobstränensäcke hat entfernen lassen. Und George Clooney bekennt sich immerhin zu Veneers.

Veneers besser könnt, macht's doch: So grinsen Sieger

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Durchgebissen: Vom Bubi zum Batman 

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Gesinnung von Scientology, Gebiss vom Zahnarzt

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Aber würdest du, zum Beispiel, Goldie Hawns Renovierung erwähnen? Wir haben sie beide getroffen. Du weißt, ich meine nicht ihre Villa in Pacific Palisades.

 

Instandhaltung nennt das der Fachmann, und nein, ich habe das in meinem Artikel nicht geschrieben. Warum auch? Das wäre nur verletzend und würde die allerletzte Schranke niederreißen.

 

Nämlich?

 

In Wahrheit ist Altern das einzige Tabu in dieser Stadt.

 

Tabuverbote entbehren jeder Begründung, und sie sind nur jenen selbstverständlich, die unter ihrer Herrschaft leben.

 

Das klingt nicht nach dir.

 

Freud. Ich hab' mal ein Proseminar in Psychologie belegt.

 

(hebt das halbleere Sprudelglas): Und worauf trinken wir jetzt?

 

Auf die Macht der Sterne!