The Boy Who Dreamed The Dream

Für Playboy zu schreiben, hatte komischerweise nie etwas Anrüchiges. Herrgott, sogar „The Handmaid’s Tale” Margaret Atwood war sich als Journalistin nicht zu schade für das Häschenheft. Dagegen fühlte es sich Donnerstagmorgen, am Tag nach Hugh Hefners Tod, ein wenig wie Hochstapelei an, als wir mit den Fernsehreportern von CNN und ABC vor dem Eingang zur "Playboy-Mansion" im sonst so stillen Holmby Hills warteten und Neid erregten, weil den Nachrichtenjungs im Gegensatz zur deutschen Besucherin noch nie Einlass in dieses Männer-Fantasialand gewährt worden war.

Der einzige Pressetermin, bei dem ein Pyjama-Oberteil angemessen scheint

Der einzige Pressetermin, bei dem ein Pyjama-Oberteil angemessen scheint

Ehrlich gesagt, haben wir keine Ahnung, wie das war, als John Lennon und Jimmy Carter Seelen-Striptease im Heft machten, Mick Jagger praktisch einen Zweitwohnsitz in der Mansion anmeldete und Malcolm X im Playboy das Wort führte, als ihm anderswo der Mund verboten war. Zu unseren Zeiten, Mitte der Neunziger Jahre, wirkte Mister Hefner schon recht mild, war ausgesprochen höflich, trank Pepsi-Cola und verabschiedete sich gegen neun in die oberen Schlafgemächer, während die Partygäste seinen Vergnügungspark wie eine Art Freilichtmuseum erkundeten.

In der Grotto roch es nach Schimmel und Chlor, und zwischen den Puschelpopo-Mädchen, die Häppchen und Champagner reichten, hoppelten wilde Häschen, stolzierten Pfaue und andres Getier übers Grün. Ein paar Jahre später lud uns eine von Hefners Gesellschaftsdamen in sein Feriendomizil nach Palm Springs ein. Auch dort in der Wüste eine grottenähnliche Pool-Landschaft und runde, rotierende Betten, verspiegelte Decken mit rosiger Dämmerbeleuchtung wie aus einem 70er-Jahre-Softporno. Schon damals wirkte dieses Arsenal der Verführung geradezu unschuldig. Oder auch: retro. Retro war Hefs Lieblingszustand.

What happens in the grotto, stays in the grotto. Selbst im Videospiel Playboy: The Mansion

What happens in the grotto, stays in the grotto. Selbst im Videospiel Playboy: The Mansion

Der Mann ist gestorben, wie er gelebt hat: “Wie in einem romantischen Film mit einem alterslosen Lebemann in der Hauptrolle, der in seidenen Pyjamas und Morgenmantel eine nicht endenwollende Party für faszinierende und berühmte Menschen gab." So zärtlich schrieb die "New York Times" in ihrem Nachruf. Daren Metropolous wird ihn mit einem lachendem Auge gelesen haben. Der Investor hatte Hefner 2016 die Villa samt Tierpark für 100 Millionen Dollar abgekauft – mit der Auflage, dem damals 90-Jährigen lebenslanges Wohnrecht zu gewähren. Wäre Hefner ein grantiger Greis, hätte er sich bestimmt angestrengt, 100 zu werden.

Aber wahrscheinlich versüßte die Aussicht auf seine neue Nachbarin ihm den Abschied. Nächste Woche zieht er um in den Westwood Memorial Park. Marilyn Monroe, Playboys erster "Centerfold", wartet schon im Mausoleum nebenan.

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