Frohes Neues aus LA!

Der „Brentwood Country Mart“ ist das Lieblings-Shopping-Center von Gwyneth-Paltrow-Lookalikes und ihren achtsamen Freunden: Hier gibt es alles, was teuer und biodynamisch ist. Mittendrin liegt der „Farmshop“: ein weißgekacheltes Luxus-Bistro/Restaurant mit Regalen voller lokaler, handgeschöpfter, mundgeblasener Goodies wie zum Beispiel 100-prozentige Bitterschokolade für 14 Dollar die Tafel; aus dem Kühlregal locken wohlgeformte Hühnerbrüste. An grob gezimmerten Edelholztischen erholt sich der einheimische Land-Adel bei Cocktails aus Kupfertassen von der wöchentlichen Maniküre.

 

Hallo, ich dachte schon, ich habe mich in der Adresse geirrt. Was treibt dich in diese Gourmet-Apotheke?

 

 Gehirnnahrung nach Gwyneth Paltrow ( Foto: goop.com)

Gehirnnahrung nach Gwyneth Paltrow (Foto: goop.com)

Gwyneth Paltrow. Ich habe mir nebenan Aufputschmittel bei ihr besorgt, denn fürs kommende Jahr müssen wir bei Kräften sein.

 

Macht Gwyneth jetzt in Drogen? Ich glaube, du bist mir eine Erklärung schuldig.

 

Für dich ist es eh zu spät, ihr provisorisches Edellädchen macht schon wieder dicht. War nur ein Pop-Up-Store. Liest du kein „Goop“?

 

CHECK, PLEASE!

Unsere Bars – diesmal: Farmshop

Restaurant, Bar, Delikatessengeschäft 225 26th Street, Santa Monica www.farmshopca.com

Aufgetischt Saisonale Marmeladen zum Frühstück, Schwertfisch aus nachhaltigem Fang zum Dinner, dazu teure Weine (Chardonnay: $ 19, Sektdose: $ 13) aus der US-Nachbarschaft bis ins Rheingau

Aufgelaufen Ausgehungerte Blondinen und bärtige Gourmets von hip bis gediegen; seit seiner Gründung 1948 ist der „Mart“ Spielwiese der reichen und berühmten Anwohner – Arnold Schwarzenegger kommt zum Eisessen, Ben Affleck führte hier schon Gattin, Brut & Nanny aus

Aufgedreht Eher Kindergeplapper als musikalischer Soundtrack

Aufgeschnappt „Eine Frage zu Ihrem Viognier – ist er Bio? Und er ist doch glutenfrei?“

Ist das nicht ihre Webseite, auf der sie Weisheiten und Luxusgüter aus aller Welt – vulgo: Scheiß – verkauft? Ich hab aus Recherchezwecken mal reingeschaut. Letztes Jahr pries sie Klopapier für 100 Dollar die Rolle. Auch wenn es mit Provitaminen und Mineralien beschichtet ist – vor Gebrauch, meine ich –, so ist mein Badezimmer einfach nicht vornehm genug dafür.

 

Aaaah, aus „zarten, jungfräulichen Fasern“, ich erinnere mich an die Werbung. Hab ich ja gern an der Stelle. Aber ich sehe schon, aus dir spricht wieder nur blanker Sozialneid. Hier, schau, was ich mir gerade aus Gwyneths „Inner Beauty"-Sortiment gegönnt habe: Rhodiola, von Normalsterblichen auch Rosenwurz genannt. Ein tibetanisches Qi-Tonic.

 

Du, äh, mein Chinesisch ist ein bisschen rostig...

 

Ein Energiefluidum! Kostet im Goop-Laden nicht mehr als zwei Flaschen Rosé und unterstützt den Körper bei der Sauerstoffaufnahme, damit der Kopf wieder klar wird. Magst ein Löffelchen probieren?

 

Ich frag' den Kellner lieber, was er in seiner Apotheke hat. Hallo, Sir, was empfehlen Sie mit Sauerstoff für den mentalen Kick?

 

(Kellner, adrett in grauer Leinenschürze mit überkreuzten Lederriemen, materialisiert sich hinter der Theke): Das klingt ganz nach unserem neuen White-Zinfandel-Dosen-Schaumwein!

 

Ich finde, das klingt nach Kopfschmerzen.

 

Wir nehmen zwei. – Du musst nicht alles so negativ sehen. Wir wollen auf das Neue Jahr trinken, da wird alles besser.

 

Muss ja. Hast du gesehen? Donald Trump als Mann des alten auf dem Cover von „Time“-Magazin.

 

Dafür gibts 2017 eine neue Staffel von „24, der Lieblingsfoltersendung der Demokraten!  

 

Ich bestehe darauf, 2016 war schlimm. Vergiss nicht, dass Prince und David Bowie...

 

...entschuldige, dass ich deinen Trauerflor hier zerschneide, aber siehst du, was der da drüben auf dem Kopf hat? Eine Virtual-Reality-Haube! Diese Dinger sind jetzt überall. Ich habe gelesen, dass sogar Dior sie anbietet – damit man zu Hause den Laufsteg und Backstage wie in echt miterleben kann. Ist das nicht eine bessere Geschäftsidee als Rosenschnurz?

 Vielleicht legen wir uns für die Dauer der Trump-tatur so ein Virtual-Reality-Dingens zu ( Foto: Sony Playstation)

Vielleicht legen wir uns für die Dauer der Trump-tatur so ein Virtual-Reality-Dingens zu (Foto: Sony Playstation)

 

In der Tat, ich hätte gern so ein Ding für die kommenden vier Jahre.

 

 

Reden wir über was Reelles. Was machst du Silvester?

 

Das Übliche. Wir schauen um neun Uhr, wie es an der Ostküste Mitternacht schlägt und am New Yorker Times Square aus der Disco-Kugel Konfetti auf die armen Schweine gestreut wird, die seit Stunden in der Eiseskälte warten. Dann gehen wir ins Bett. Und selbst?

 

Wie? Keine Partys? Du bist doch sonst immer bei Netflix und Sony und Promi eingeladen?!

 

(Kellner platziert zwei schmale Dosen auf den Tresen): Vorsicht, es zischt beim Öffnen! Sozusagen Champagnerkorkenknallen 2.0, hehe. A votre santé!

 

Merci. Hmmm... die Plörre ist so spritzig wie die Neujahrsnacht in Hollywood.

 

Och! Und ich dachte immer, ich stehe bloß nicht auf den richtigen Gästelisten.

 

Nein, keine Angst, du verpasst nichts. Denn da ist nichts. Die Party-Animals folgen Leitwolf Leonardo DiCaprio Ende Dezember nach St. Barth, sogar Justin Bieber brachte ihm letztes Jahr ein Ständchen auf seiner 400.000-Dollar-pro-Woche-Yacht. Die Generation Jennifer Aniston brutzelt zwischen Cabo San Lucas und Miami oder macht sich unsichtbar – du weißt doch, die Oscars stehen vor der Tür.

 

Also, meine deutschen Freunde haben die romantische Vorstellung, dass Hollywood-Stars sich unterm Feuerwerk auf den Erfolg ihrer neuen Comic-Helden-Saga zuprosten. Den Zahn konnte ich ihnen insofern ziehen, dass bei uns ja gar nicht geballert wird wegen Brandgefahr.

 

Und mit Prosten ist’s auch Essig: Wenn die Filmsets zwischen den Jahren schließen, ist Facelift-Saison. Verdächtig hohe Sonnenbrillendichte in Bel Air, auch bei Nacht. Nur Amy Schumer lässt wohl nichts machen, die tritt Silvester in New Orleans auf.

 

Dann ist ihre neue beste Freundin Jennifer Lawrence bestimmt nicht weit. Obwohl, die ist sportlich, vielleicht geht sie mit Valentino Ski fahren; Anne Hathaway schwärmt immer von ihren Designer-Ferien in Gstaad.

 

Nein, nein, die Lawrence ist doch strikt bei Dior unter Vertrag.

 

Was du wieder weißt! Hach, den Diorschen Virtual-Reality-Kopfschmuck sollte es für Leos Silvester-Party geben!

 

Gibt's doch schon. Bei der “Vanity Fair”-Oscar-Sause dieses Jahr konntest du via VR mitfeiern, ohne deine Couch zu verlassen. Leider war's auch unter der Haube erstaunlich dröge. Es ging nur um Celebrities und ihre Kleider. Die sexy Garde feiert doch eh nur gegen Gage. Supergirl Gigi Hadid und Konsorten legen zum Jahreswechsel sogar Schleier an, wenn ein Luxushotel aus Abu Dhabi ruft. Taylor Swifts Ex, der Super-DJ Calvin Harris, dreht gegen ein Vermögen Platten auf in Las Vegas, genauso wie Rihannas Verflossener Drake. Überhaupt Sin City: Da hält Bruno Mars Hof, im Monte Carlo, und Kamasutra-Senior Sting geht Silvester dort singen.

 

Ja, aber das ist Arbeit, nicht Party.

 

Partys sind Arbeit.

 

(kippen ihre Dosen in Weingläser)

 

Los, wir trinken uns 2017 jetzt schön.

 

Weißt du, worüber ich froh bin? Dass die Amerikaner dieses Jahr endlich ihre Grünkohl-Phase überwunden haben. Kale ist out, man schlägt wieder die Zähne in Fleisch. Bei mir um die Ecke haben zwei echte Metzgereien aufgemacht. Und Restaurants heißen nicht mehr wie Poesiealben, sondern „Cannibal“ und „Bestia“ und „Wolf“.

 

Oh weh, mir scheint, du sprichst schon wieder über das neue Government...

 

Tja, es geht zurück in die Steinzeit. Ob Gwyneth wohl deswegen wieder Pelz im Schritt propagiert?

 

Bitte?

 

 Wenn's nach Gwyneth geht, sollen wir im neuen Jahr ölen statt wachsen (F oto: Goop)

Wenn's nach Gwyneth geht, sollen wir im neuen Jahr ölen statt wachsen (Foto: Goop)

Sie verkauft nebenan „fur oil“ fürs gepflegte Schamhaar. Riecht wie mediterranes Gebüsch, nach wildem Salbei und Zitrone.

 

Auch was Gutes. Wir müssen nicht mehr waxen.

 

Dafür ölen.

 

Kellner (ölig): Schmeckt's?

 

Ein bisschen abgestanden.

 

Aber die Zukunft liegt in der Dose! Yes, we can! (kichert. Wartet einen Moment.) Haben Sie mein kleines Wortspiel versta--...

 

Schon gut! Wir verstehen alles, unsere Sinne sind erweitert, wir sind Qi-gedopt. – Du, wenigstens hatte ich im alten Jahr keine Ameisen.

 

Na siehst du. Nimm noch einen Schluck Brause.

 

Dafür Termiten. Heerscharen!

 

Aber es hat nicht reingeregnet – du hast doch ein neues Dach bekommen.

 

Aus Panik vor El Nino, ja. Aber der kam ja gar nicht. Und im Vorgarten stehen jetzt nur mürrische Sukkulenten, weil wir doch Wasser sparen mussten. Ach, was soll’s. Es geht weiter.

 

Worauf trinken wir also?

 

Auf 2020!