Fine Young Cannibals

The Platform ist das Shopping-Zentrum der Zukunft, entworfen von zwei Architekten aus der Generation Y, gelegen auf halbem Weg zwischen Strand und Downtown Los Angeles. Das gemeine Volk findet den Weg ins gestylte Boutiquen- und Sukkulenten-Arrangement nur schwer, aber die “Digital Dandies” vom Silicon Beach, der Tech-Meile in Venice, texten und schmausen dort genüsslich bei makellosem W-Lan. Am Eingang zur Millenniums-Spielwiese liegt das „Cannibal": Dort fallen an dunklen Holztischen im Kupferlampenschein Startup-Millionäre und ihre Groupies über daumendicke Pastramischeiben und Schwarzes vom Grill her. Die Kellner tragen Vollbart und Flanellhemd, ein Cicerone – Bar-Sprech für Bierkenner – hilft bei der Navigation durch die sieben Seiten lange Bier-Karte. Zur Happy Hour reichen die Rauschebärte Selbstgeräuchertes.

 

Was ist denn hier los? Ich könnte schwören, als ich das letzte Mal vorbeifuhr, war da drüben noch ein Gebrauchtwagenhändler. Und überhaupt, seit wann stehst du auf Fleischfresser?

 

Blut. Ich will Blut sehen. Hast du die Snapchat-Kurse verfolgt? Es funktioniert!

 

Snapchat verblutet? Du hast doch nicht etwa in Aktien investiert?

 

Demonstriert. Ich habe demonstriert.  Und prompt fielen die Kurse. Letzte Woche, hast du das nicht mitgekriegt? Wir waren 50! Direkt vor dem Strandpalast von Evan Spiegel!

 

Den finde ich goldig. Aber nur, weil er aussieht wie Andrew Garfield. Spiegel ist einer der wenigen Internet-Moguln, die verlieren, wenn sie von Hollywood-Beaus dargestellt werden. Aber pardon, ich wollte dich nicht aus deiner Rage reißen. Es wogten also Menschenmassen vor der Snapchat-Hauptzentrale…

 

Dieses Hui-Buh-Schlossgespenst und seine Jünger kaufen ganz Venice Beach auf! Überall kleben die verdammten Gespenster an den Türen, als sei der Gerichtsvollzieher dagewesen. Wo mein Schuster war, ist jetzt eine Snapchatterei, und davor steht ein Hilfssheriff, der einen verhaftet, wenn man keine App codieren kann. Zeit, die Geister auszutreiben, Schluss mit der Gier!

Venice Beach sieht Gespenster: Wo das Snapchat-Logo klebt, sind die Mieten unheimlich hoch

Venice Beach sieht Gespenster: Wo das Snapchat-Logo klebt, sind die Mieten unheimlich hoch

 

Ich glaube, du brauchst was Hochprozentiges. Ob der blonde Bär uns retten kann?

 

(Kellner baut sich hinter der Bar auf): Bier für die Ladys? Unser Special ist heute ein belgisches Pils, Bavik zählt zu den meistunterschätzten Gerstensäften unserer Zeit.

 

Ich nehme lieber einen Old Fashioned, danke. Aus Gründen.

 

Ich probiere das Belgische. Sie kommen mir irgendwie bekannt vor. Werben Sie im Fernsehen?

 

(Kellner, errötend): Nein, aber meine Freunde sagen, ich solle Stand-up-Comedian werden.

 

Ach ja? Komisch. Nämlich gar nicht.  – Was isst du da eigentlich, Speck?

 

Rohen Schinken.

 

Ach herrje. Mir ist noch schlecht von dieser Netflix-Serie, “Santa Clarita Diet”. Kennst du? Die haben Raw Diet irgendwie falsch verstanden, Drew Barrymore frisst Menschen. Ekelhaft. Gibt dem Begriff “Binge Watching” jedenfalls eine ganz neue Bedeutung.

 

Ich finde es scheußlicher, was Spiegel und seine Spielgefährten quasi per Mausklick anrichten. Die Kannibalisierung von Venice!

 

„The Wave House" steht seit Monaten in Venice zum Verkauf. Für Surfer offenbar zu teuer.

„The Wave House" steht seit Monaten in Venice zum Verkauf. Für Surfer offenbar zu teuer.

Mir ist auch schon aufgefallen, dass jedesmal, wenn ich in deinem ehemaligen Armenviertel unterwegs bin, ein Bungalow plattgemacht und ein neues Ufo gelandet ist. Was die da auf handtuchgroße Grundstücke für Häuser stellen! Irre Konstruktionen. Das, wo das Dach eine Ozeanwelle symbolisieren soll??

 

(schnaubt verächtlich): The Wave? Fünfeinhalb Millionen. Ein Schnäppchen.

 

Das Unfriendly Takeover der High-Tech-Millionäre ist aber noch viel schlimmer in San Francisco, falls dich das tröstet.

 

Nein, soll es? Ich wünschte, die würden im Silicon Valley bleiben und dort ihren überteuerten Filterkaffee brühen. Gefällt dir der neue Blue-Bottle-Bohnen-Shop nebenan? Atmo wie in der Kardiologie.

 

Mehr wie im Apple-Store, nicht?

 

Ist doch das Gleiche. Bemerkenswert, dass hier so ein handfester Schlachter hergezogen ist – Batzen von Fleisch statt Bits und Bytes. Ich weiß auch nicht, weshalb ich mir alle Nerds als schlaffe Veganer vorstelle.

 

Weil wir eben old-fashioned sind. Mit der IT-Branche verbinde ich nicht gerade Sex-Appeal.

 

(Kellner stellt die Drinks auf den Tresen sowie ein Holzbrett, auf dem sich im Senfbett eine in grobe Stücke gehauene Bratwurst räkelt): Unsere hausgemachte polnische Kielbasa. Jeder Bissen bringt mehr “happy” in Happy Hour. Wohl bekomm’s!

 

Ah, haha, jaja, der Comedian. Dankeschön. Jedenfalls liegst du völlig falsch: Ich sage, die Nerds bedrohen unser Hollywood-System. Die schönsten Starlets laufen schon über. Mein spezieller Freund zum Beispiel, der Snapchat-Setter: Den findet Miranda Kerr mindestens so goldig wie du.

 

Das Supermodel? Die Ex von Legolas?!

Das Model und der Milliardär hatten angeblich keinen Sex vor der Ehe. Jedenfalls nicht miteinander. Kleid: Dior.

Das Model und der Milliardär hatten angeblich keinen Sex vor der Ehe. Jedenfalls nicht miteinander. Kleid: Dior.

 

Ein erstaunlich infantiler Einwurf, der allerdings bestens zu unserem Gesprächsgegenstand passt. Ja, Miranda hat sich nach Orlando Bloom einen Silicon-Beach-Boy an Land gezogen. Genau wie Amber Heard: Die ist vom Ober-Piraten Johnny Depp zu Elon Musk gesegelt.

CHECK, PLEASE!

Unsere Bars – diesmal: Cannibal

Platform 8850 Washington Blvd., Culver City, www.thecanniballa.com

Aufgetischt Cocktails, Wein und 450 Sorten Bier aus aller Welt – Flasche, Dose, Fass –, dazu Fleisch in allen Aggregatzuständen. Für Vegetarier gibt’s ne Extrawurst. Happy-Hour-Preise: Bier des Tages 3 Dollar, Cocktail 5, frischer Aufschnitt aufs Haus

Aufgelaufen Spitzenköche, Studio-Volk und animalische App-Entwickler

Aufgedreht Klassikrock von Aerosmith bis ZZ top dudelt im Hintergrund

Aufgeschnappt "Meinen Rosenkohl bitte medium-rare.“

 

Iron Man!

 

(Kellner schmiegt seinen Bauch an den Tresen): Schmeckt das Bier?

 

Köstlich. Sie wissen, dass ich Sie keinesfalls gemeint habe.

 

(Kellner, verschmitzt): Iron Man war neulich zu Gast. Robert Downey, Jr. Ich war ein bisschen star-struck.

 

Verblüffend, wo Sie doch in der gleichen Branche sind, als Comedian.

 

(Kellner): Haha, mit der Schauspielerei habe ich nichts am Hut. Ich bin Bierbrauer aus Leidenschaft. Iron Man habe ich sein Steak serviert, als wüssten wir nicht, wer er ist.

 

Sie Teufelskerl. Wer zählt denn sonst noch zu den Kannibalen?

 

(Kellner): Bill Murray war mal hier. Filmleute von den Sony-Studios, die sind hier um die Ecke. Und jede Menge Techies natürlich.

 

Die Ex-Missus-Depp, wenn ich das klarstellen darf, ist mit dem echten Elon Musk verbandelt, nicht mit dem Superhelden, zu dem er Hollywood inspiriert hat.

 

Mit wem geht Depp denn jetzt aus?

 

Ich würde ihm seine erste Liebe Winona Ryder zurückwünschen, sie sind beide ähnlich verschroben. Aber die würde sich im Zweifel auch lieber von Elon Musk zum Mond fliegen lassen, als mit Johnny in Disneyfilme zu gehen.

 

(stochert in der Bratwurst)

 

Kein Huhn kräht nach Mark Wahlberg, wenn es Mark Zuckerberg haben kann.

 

Der hat ja nun schon sein Trophy Wife.

 

Immerhin eine Kinderärztin.

Brauchen keinen Kinderarzt: Dr. Priscilla und ihr Zuckerberg

Brauchen keinen Kinderarzt: Dr. Priscilla und ihr Zuckerberg

 

Aber das ist die Definition von Trophy Wife in der High-Tech-Branche! Eine energische Intelligenzbestie, die den taumeligen Kindermilliardär an die Hand nimmt und ihm die echte Welt erklärt. Ohne seine Gattin würde Zuckerberg heute noch all seine Kohle in Apps und anderen Spielsachen anlegen. Diese TWAGS…

 

…kein Grund, ordinär zu werden!

 

TWAG steht für: The Wives And Girlfriends von Computer-Bubis. Sie sind meiner Meinung nach unsere einzige Hoffnung, dass die digitale Weltherrschaft nicht vollkommen einem Wettpinkeln gleichkommt.

 

Dann ist Emma Watson ein TWAG? Die ist doch in Wirklichkeit auch mit so einem Silicon-Valley-Prinzen liiert.

 

Die Schöne und das Biest?

 

So hässlich ist der gar nicht. Ein bisschen alt vielleicht. Hast du den Film gesehen?

 

Von Disney-Musicals kriege ich Zahnweh. Aber Emma Watson ist kein TWAG, die ist doch selber Social-Media-Queen. Ein echter Influencer.

 

Mein Gott, du klingst wie meine zwölfjährige Nichte.

 

Tut mir leid. Ich bin viel mehr auf ihren nächsten Film gespannt, „The Circle".

 

Ist das nicht dieser Horrorfilm um Google?

 

Eher so eine Art „1984" für Baby-Boomer. Big Brother is watching you. Hat Emma ihren Startup-Lover denn bei den Dreharbeiten in Playa Vista getroffen? Dann würde sich der Kreis schließen.

 

Keine Ahnung. Gesagt hat sie nichts. Sie ist erstaunlich einsilbig, dafür, dass sie so smart ist.

 

Wozu viele Worte verlieren, wenn man 24 Millionen Twitter-Follower hat.

 

Es macht mich ein wenig sentimental. Früher mischte Emma sich immer unters Fußvolk in Pressekonferenzen, um ihre älteren Kollegen beim Frage-Antwort-Spiel zu studieren. Sie war beeindruckt, wie Dustin Hofmann zum Beispiel einem wölfischen Rudel Journalisten Bonmots wie Fleischbrocken hinwarf. Leider hat sie von den Alten nichts gelernt.

 

Emma Watson ist Feministin und hat trotzdem Brüste. Foto: Vanity Fair

Emma Watson ist Feministin und hat trotzdem Brüste. Foto: Vanity Fair

Dafür muss sie nur stumm ein halbes Brüstchen entblößen, um eine Diskussion über den neuen Feminismus anzufachen.

 

Du meinst den nicht einmal Halb-Akt aus „Vanity Fair“? Wie sie sehr richtig bemerkte: Ich weiß nicht, was Titten mit Gleichberechtigung zu tun haben. Nein, die Emma macht das schon richtig. Folgst du ihrem Instagram-Account?

 

Nein, ich fühle mich eher verfolgt.

 

Wie meinen? Da postet sie ihre Outfits wie alle Starlets, nur dass ihre Kleider alle aus nachhaltiger Produktion sind. Die Disney-Kinder folgen ihr wie einer guten Fee. Mal sehen, was sie sich zu „The Circle" einfallen lässt.

 

Braucht sie nicht, wir sind doch schon längst eingekreist. Schau mal, eben schickt mir Blue Bottle eine Rechnung per Email. Dort hab ich mir vorhin ein Heißgetränk geholt. Ist doch unheimlich.

 

Meinst du den Preis für deinen Filterkaffee?

 

Das auch, aber ich kann mich nicht entsinnen, denen meine Email-Adresse gegeben zu haben. Woher wissen die... ich bin nicht paranoid, aber...

 

Was, wenn zu Hause schon ein Sixpack Bavik-Pilsner auf dich wartet?

 

Ich glaube, ich steige auf Old Fashioned um. Kellner?

 

Und worauf trinken wir jetzt?

 

Auf unsere Geheimnisse.