"Wie heiß darf's denn sein?"

 Leah und Bea Koch mit ihrem Hund Fitzwilliam, der nach dem wohl größten romantischen Helden benannt ist, Mr Darcy

Leah und Bea Koch mit ihrem Hund Fitzwilliam, der nach dem wohl größten romantischen Helden benannt ist, Mr Darcy

In den meisten amerikanischen Buchläden gibt es irgendwo weiter hinten eine – meist riesige! – Abteilung für romance novels, von deren Buchdeckeln einen durchtrainierte Männerbrüste und berstende Dekolletés anlachen. Der Markt ist riesig; die erfolgreichste Vertreterin des Genres, Nora Roberts aus Maryland, hat sich mit mehr als 200 solcher Schmöker ein Millionenvermögen erschrieben. “Schundromane”, sagte man früher: Die Schwestern Bea und Leah Koch aus Chicago wissen genau um die milde Verachtung, die man ihrem literarischen Lieblingsgenre entgegenbringt. Doch ungerührt haben die beiden Start-up-Unternehmerinnen vor anderthalb Jahren einen Buchladen eröffnet, der sich ausschließlich der “Romanze” widmet: Mit pinkfarbener Fassade lockt in Culver City “The Ripped Bodice” – das zerrissene Mieder – Liebhaber der Schnulze an.

 

Bea Koch, 26, führt uns durch den Laden: Historische romances sind vorne drapiert, hinten gibt’s übernatürliche und erotische Geschichten, von Vampiren und liebeskranken Zombies über den S/M-Helden Christian Grey bis zu allem, was das LGBTQ-Herz begehrt. Nora Roberts hat ihren eigenen Tisch, und für Kunden, denen ihre Liebe zum großen Gefühl peinlich ist, steht auch “hohe Literatur” in den Regalen, ausschließlich von Frauen geschrieben natürlich, zum Beispiel Margaret Atwoods “Der Report der Magd”.

 

Den hohen Verkaufsraum mit seinen “fliegenden” Büchern hat Beas Schwester Leah, 23, eine ehemalige Kunststudentin, dekoriert. Nummer drei in der Geschäftsleitung ist der einäugige Zwergspitz Fitz, der nach Fitzwilliam Darcy benannt ist – ja, dem berühmten Mr. Darcy aus “Stolz und Vorurteil”. Zweifellos ist es der Geist von Jane Austen, der in diesem gerippten Mieder steckt.


 

 Nur Fliegen ist schöner: Leah Koch hat den Verkaufsraum von "The Ripped Bodice" mit literarischen Mobile dekoriert

Nur Fliegen ist schöner: Leah Koch hat den Verkaufsraum von "The Ripped Bodice" mit literarischen Mobile dekoriert

Sie haben via Kickstarter stolze 91.000 Dollar für den Laden zusammengetrommelt. Wie haben Sie für Ihr Projekt geworben?

Bea: Wir sind beide verrückt nach romance novels, und wir wissen, dass das Genre immens populär ist. Leider fühlen sich die Leser von den meisten Buchläden nicht verstanden – wenn man nach bestimmten Titeln fragt, wird man belächelt und von oben herab behandelt. Gegen dieses Vorurteil wollten wir angehen.

 

Leah: Die Geschäfte laufen gut.

 

Bea: Wir haben erstmal einen dicken Recherche-Ordner angelegt: Wie funktioniert ein Buchladen? Dank Kickstarter und einer weiteren Crowd-Finanzierung konnten wir das Geschäft ohne allzu große Schulden eröffnen.

 

Leah: Unser Vater, der sich in Gelddingen gut auskennt, hat uns seinen Geschäftssinn vermittelt. “The Ripped Bodice” ist nicht nur der einzige Romance-Buchladen von L.A., sondern in ganz Amerika!

 

Ihr Geschäft liegt in einem angesagten Stadtteil. Können Sie sich die Mieten leisten?

 

Bea: Sie sind hoch, aber nicht so verrückt hoch wie in Venice.

 

Leah: Sagen wir so: Das ist die coolste Gegend, die wir uns erlauben können. Direkt nebenan ist der Fön-Salon “Dry Bar”, dann kommt die “Massage Garage”... überall was für Frauen.

 

Bea: Unser Vermieter hat das geplant, er dachte, ein Frisör und ein Frauenbuchladen passen doch wunderbar zusammen.


 

Leah: Stimmt auch, wir gehören jetzt dazu. Wir bieten Schreibwerkstätten an, Book-Clubs…

 

Bea: … und Comedy-Nights mit lokalen Stand-up-Komikern. Wir versuchen, die Nachbarschaft einzubeziehen, auch wenn das nicht unbedingt die größten Romance-Fans sind.

 

Haben Sie Los Angeles als Standort ausgesucht, weil Sie die Stadt besonders romantisch finden?

 

Leah: Haha, nein, wir leben nur beide in L.A., weil wir hier studiert haben. Aber wir wussten, dass ein so spezialisiertes Geschäft nur in einer Großstadt wie Chicago oder New York oder eben Los Angeles laufen kann.

 

Bea: Wir profitieren vom hiesigen Tourismus, der bringt uns Laufkundschaft. Und in L.A. hält jeder berühmte Schriftsteller auf Lesereise, das ist auch praktisch für uns.

 

Leah: Nicht zu vergessen die Filmindustrie. Die Sony-Studios sind gleich um die Ecke. Produzenten schauen immer, was liest man gerade, was verkauft sich gut...

 

Bea: Ein großer Trend ist zum Beispiel die Verbindung von Historienroman und Fantasy. Denken Sie an “Game of Thrones” und “Outlander”. So wird gerade eine Fernsehserie nach den Büchern von Deborah Harkness gedreht, die hier an der Uni Geschichtsprofessorin ist. “Die Seelen der Nacht” handelt von Zeitreisen...

 

Leah: ...und Hexen...

 

Bea: ...und ist einer der größten Erfolge im Romance-Genre.

 

Hm, Hexen, Science-fiction und Jane-Austen-Romane, das fällt alles unter Romance?

 

Bea: Aber ja, es gibt so viele Sub-Genres! Manche Käufer lesen querbeet, andere bevorzugen einen bestimmten Stil und wollen nur zeitgenössische Lovestorys. Jedes Unter-Genre hat unterschiedliche, aber festgelegte und wiederkehrende Erzählstrukturen. Also: Heldin verliebt sich in den besten Freund des Bruders…

 

Leah: ...oder, ein anderes Motiv, aus Freunden werden Geliebte...

 

Bea: ...aus Feinden werden Geliebte...

 

Leah: Aber es kommt immer zum Happy-End.

 

Bea: Unbedingt! Warum liest man sonst Romanzen?

 

Ihre Kundschaft ist überwiegend weiblich?

 

Leah: 95 Prozent, schätze ich.

 

Bea: Obwohl wir auch einige treue männliche Kunden haben. Manche sind schwul. Manche begleiten ihre Frauen und Freundinnen beim Einkauf.

 

Leah: Der typische Kunde ist zwischen 25 und 40 Jahre alt. Alle Berufe sind vertreten, alle Gesellschaftsschichten.

 

Bea: Wir haben auch Kinderbücher.

 

Leah: Ich freue mich immer, wenn die ganz jungen Leser kommen. Dann suche ich Bücher für sie raus über tolle Heldinnen und Freundschaften, so dass sie sich als Mädchen bestätigt und stark fühlen.


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 "Wir können sehr wohl unterscheiden":  Hunks , Feindbilder und Barbies teilen sich friedlich die Regale 

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Romanzen vermitteln jungen Lesern vielleicht nicht gerade ein realistisches Bild vom Leben.

 

Leah: Warum nicht? Man lernt aus Romanzen, dass die Ansprüche und Wünsche einer Frau in einer Beziehung genauso wichtig sind wie die eines Mannes. Und dass sie das Recht hat, anständig behandelt zu werden.

 

Bea: Wir müssen uns ständig anhören, dass Liebesromane unrealistische Lebenserwartungen fördern. So ein Quatsch. Müssen sich Leute, die gern Krimis lesen, fragen lassen, ob sie gern mit Mördern ausgehen? Wir können sehr wohl zwischen Fiktion und Wirklichkeit unterscheiden. Ich habe keine falschen Erwartungen an die Liebe, ich lebe in einer ganz normalen Beziehung.

 

Leah: Ich bin Single. Aber wir sind beide glücklich, und wir lieben unseren Hund.

 

Bea: Wir überlegen, ob wir in unserem Laden sowas wie Speed-Dating organisieren sollen. Das würde gut passen. Steht auf unserer Liste.


 

Was hat Ihre Liebe zum Genre entfacht?

 

Leah: Ich habe mit zwölf meinen ersten Liebesroman gelesen. Ich glaube, er war von Nora Roberts.

 

Auf die Frage, was sie inspiriert, antwortet sie gern: “Alkoholische Getränke.”


 

Leah: Haha, das sagen unsere Autorinnen auch. Vor allem, wenn sie Sexszenen schreiben.


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 Love is a Battlefield: Sarah Kuhn (auf dem Sofa) schreibt Romanzen über eine Art Ninja-Kämpferin, Rebekah Weatherspoon untersucht in ihren Büchern die komischen Seiten der Liebe

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Apropos, wie drastisch dürfen und sollen Romanzen eigentlich sein?

 

Bea: Wenn Kunden eine Empfehlung wollen, frage ich immer: Wie heiß darf's denn sein?

 

Leah: Wir haben alles in den Regalen, von züchtiger Amisch-Liebe bis Bondage.

 

Bea: Und auch Ratgeber und das Kamasutra. Interessieren sich die Leute für Perversionen? Für wissenschaftliche Abhandlungen über Romantik? Alles hier.

 

Leah: Manchmal wünschen sich die Leute auch ganz spezielle Inhalte. Neulich suchte jemand einen Roman, in dem die Geliebte am Schluss den Mann abbekommt, nicht die Ehefrau.

 

Bea: Man kann generell sagen, dass in der romantischen Literatur es längst nicht mehr nur um die Beziehung von Männern und Frauen geht. Es gibt wunderbare schwule Liebesromanzen! Und Romane, in denen jemand mehrere Partner hat oder Sex zu dritt.

 

Nora Roberts sagt von ihren Büchern, sie seien feministisch.

 

Bea: Jawohl, wir sind ein feministischer Buchladen. Das ist unser Auftrag.

Leah: Wir sind extrem politisch.

 

Bea: Gegen Trump. Wir könnten niemals uns und unser Geschäft als feministisch und liberal begreifen und gleichzeitig diesen Präsidenten unterstützen. Wir veranstalten Spendenaktionen für politische Kandidaten.


 

Auch noch! Wann haben Sie denn mal frei?

Bea: Im Moment gibt es für uns kein Leben außerhalb des Ladens. Aber das ist okay, noch brauchen wir das nicht.

 

Leah: Och, wir nehmen schon mal einen Tag Urlaub.

 

Bea: Ja, aber nur, um auf die Hochzeiten anderer Leute zu gehen.

 Maskottchen Spitz Fitz wirbt für Merchandising 

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O-TonGidget TaylorComment