Earthquake!

Und dann ist es doch immer eine Überraschung

Und dann ist es doch immer eine Überraschung

Es war nicht mein erstes und nicht mal das erste in meinem Hinterhof sozusagen – vor ein paar Jahren hatte uns schon mal ein kleines Erdbeben aus dem Bett geworfen: Es ging morgens um sechs los und röhrte wie ein D-Zug direkt unter meinem Schlafzimmer; die Erde macht ja einen unfassbaren Lärm, wenn sie sich schüttelt und wälzt und reckt. Der Hund bellte empört und rannte zur Haustür, als erwarte er den Fedex-Mann, seinen besonderen Feind, und ich stolperte fluchend hinter ihm her, weil ich dachte, ich müsse uns womöglich gleich unter einem Türrahmen platzieren… da war’s auch schon wieder vorbei. (Kopflose Fußnote: Wasserflaschen für den Notfall besorgen!, befahl ich mir, das Auto immer volltanken, Bargeld im Haus haben, die Taschenlampe auf dem Nachtisch griffbereit… seufz. Das war damals. Und dann beruhigte sich Mutter Erde wieder, das Bargeld verschwand in den Weihnachtsumschlägen für den Postboten und den Fedex-Mann, und morgen früh fahre ich tanken, ganz bestimmt). 

Montagabend also um 11:20 Uhr gähne ich mich gerade durch die Sportnachrichten, auf Stephen Colbert wartend, der um halb zwölf anfängt. Da tut es einen Schlag, der Hund blickt entrüstet vom Sofa auf, es dröhnt, Geschirr klappert in der Küche. (Stunden später wird noch eine Vorhangstange runterfallen; quasi als Nachbeben.) 

Wenn sonst nichts passiert... 

Wenn sonst nichts passiert... 

Es reichte für 3,6 auf der Richterskala, das Epi-Zentrum lag in Westwood, das ist drei, vier Meilen von mir entfernt. Uni-Gelände, Studentenkneipen, das hypermoderne Krankenhaus, in dem Michael Jackson gestorben ist. Aber auch einige der teuersten Residenzen von Los Angeles liegen dort im nahen Holmby Hills – nein, sie stehen noch, denn 3,6 ist nicht so wuchtig, dass es Bücher aus den Regalen oder auch nur den Hund vom Sofa haut. 

Heute früh um 11:15 Uhr erinnerte Mexico City an das schlimme Erdbeben von 1985 – 8,0 auf der Richterskala –, bei dem damals tausende Menschen gestorben sind. Traditionell wird an diesem Tag um genau diese Uhrzeit eine Feuerübung veranstaltet: Mein Freund Jesus, der in Mexico City in der IT-Abteilung der Stadtverwaltung arbeitet, sagt, sie mussten alle ihre Büros verlassen, standen ein bisschen im Hof rum, rauchten vermutlich, trotteten schließlich wieder zurück an den Arbeitsplatz. Und dann, um viertel nach eins, war plötzlich die Hölle los: Der Teppichboden schlug Wellen, Fenster klirrten, das Gebäude schwankte, Telefone rutschten von den Schreibtischen, und Jesus, ein großer, kräftiger Mann, wurde mehrmals auf den Boden geschleudert von den Erdstößen. Eine Minute dauerte das Beben – das ist verdammt lang, wenn auf nichts um einen herum wirklich Verlass ist, alles wabert, alles kippt. Jesus sagt, sie stolperten alle auf die Straße. Die neueren Gebäude, „erdbebensicher“ konstruiert nach der Katastrophe vor 32 Jahren, hielten stand, aber viele Häuser klappten einfach zusammen, mindestens 27 in Mexiko-Stadt. 

„Ich war auf dem Laufband“, sagt Cecilia, Jesus’ Frau. Sie arbeitet von zu Hause, war gerade in der Mittagspause. Kopfhörer auf, trab, trab, trab, hört nix, merkt nix. Der eine ihrer beiden Chihuahuas lag im Bettchen direkt neben dem Fitnessgerät, der andere an der Tür. Da stürzte plötzlich Cecilias Bruder, der mit dem Ehepaar unterm selben Dach wohnt, herein, etwa in dem Moment, als Cecilia die Deckenlampe schwanken sah. Ihr Haus steht in einem Stadtteil, der praktisch auf Vulkangestein gebaut ist, da spürt man normalerweise nichts. Doch dieses Gerüttel fuhr allen in die Glieder: Cecilia raffte ihr nahes Hündchen, das andere flitzte mit eingezogenem Schwanz auf sie zu und sprang ihr in die Arme, und die Geschwister rannten in den Garten, während gerade aus den Regalen drei Bücherreihen sich selbständig machten und auf das Band krachten und es zerbrachen. Der Fernseher fiel um, in der Küche schepperten Gläser aus den Schränken. 

Der Strom fiel für etwa eine Stunde aus. Erstaunlich, sagt Cecilia, dass es nicht länger dauerte. Sie schrieb eine SMS an ihre im Ausland lebenden Eltern: „Wir sind in Ordnung!“ – „Meine Mutter war wie üblich Tennis spielen, sie hat nicht reagiert. Und mein Vater tippte zurück: Ist ja schön! Er wusste noch gar nicht, was los war.“ 

Jesus brauchte vier Stunden für die Fahrt nach Hause, die er normalerweise in einer Dreiviertelstunde zurücklegt. Als ich vorhin, vier Stunden nach dem Beben, mit den beiden telefonierte, brach manchmal die Verbindung zusammen. Aber das passiert auch an guten Tagen. Sie rechnen jederzeit mit einem „aftershock“. Immerhin seien keine Risse in den Wänden, sagt Cecilia. Und alle ihre Freunde sind okay, sie haben angerufen oder sich bei Facebook eingecheckt. „Für Pena Nieto ist das Erdbeben leider eine willkommene Ablenkung“, sagt sie seufzend. Wie „euer Trump“ – ich wies die Formulierung empört zurück! – ziehe der politischen Nutzen aus Naturkatastrophen. Alle Welt bedauere nun die Opfer und wolle helfen, und der Präsident sehe vermutlich für eine Weile sogar so aus, als wüsste er, was er tut. 

Morgen, sagt Cecilia, müsse sie den ganzen Schrott aufräumen. Sich um die Nachbarin kümmern – da wurde eingebrochen, mitten im Erdbeben-Chaos.

Wie gemein!, entfährt es mir. Aber nein, sagt sie und lacht. Der Räuber habe keineswegs die Gunst der Stunde genützt, er war genauso erschrocken wie jeder andere auch. Ein Erdbeben! Wer rechnet denn auch mit sowas.