Diesmal: SOS-Anwälte

Wer in Hollywood was werden will, braucht Talent, Beziehungen und einen Anwalt; nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Wer in Hollywood bestehen will, kann auf fast alles verzichten – bloß nicht auf den Anwalt. Gerade jetzt, da die strahlendsten Karrieren dem Schreckgespenst der Wahrheit zum Opfer fallen, sind diese Ghostbusters gefordert: Image-Retter, die stabil wie Aktenordner neben ihren schlotternden Schützlingen stehen und sie souverän mit Unterlassungserklärungen und Klageandrohungen aus Skandalen und Skandälchen ziehen. Anwälte retten Images, Egos, Bankkonten. Who you gonna call?! Hier drei Top-Juristen, die in der Entertainment-Welt bekannter sind als manche ihrer Klienten. 

Eins...

Die Bulldogge: Marty Singer

Bollwerk für Alpha-Männer: Singer (jeweils rechts) mit dem Regisseur Brett Ratner, mit Sylvester Stallone und mit Charlie Sheen, der über seinen Beistand sagt, er sei wohl der Einzige, "der in Hollywood noch mehr Leute gefickt hat als ich"

Er selbst bezeichnet sich als „Wachhund der Stars“, findet sein Image als Aggressor schmeichelhaft. Als sie ihn einmal vor Gericht erlebte, fiel seiner Klientin Sharon Stone nur der Vergleich mit Mike Tyson ein, „als der gerade seinem Gegner das Ohr abbiss“: Der 65-jährige Marty Singer – ein Kämpfer, ein Angstmacher im teuren Anzug – ist zweifellos Hollywoods liebster „hit man“, ein Killer. So nennt ihn wiederum die „Los Angeles Times“, der er gerade eine 100-Millionen-Dollar-Klage angedroht hat, wenn die Zeitung weiterhin Interviews mit Frauen veröffentlicht, die seinem Klienten, dem Regisseur Brett Ratner, sexuelle Belästigung vorwerfen. Ja, Singer steht einem der übleren Bad Boys in dem Weinsteinschen Power-Panorama zur Seite, als welches Hollywood sich derzeit präsentiert und in dem Unflat und gar Verbrechen an der Tagesordnung sind.

Doch nicht alle seine Schützlinge muss Singer gegen so schwerwiegende Vorwürfe verteidigen: Sylvester Stallone schickte ihn mal gegen ein Auktionshaus in den Ring, das angebliche Original-Boxhandschuhe von „Rocky“ versteigern wollte, das ging gegen Slys Ehre. Für Charlie Sheen, dem wegen erheblicher Drogenprobleme sein Vertrag mit „Two and a Half Men“ gekündigt worden war, handelte Singer eine Abfindung in Höhe von 100 Millionen Dollar aus. Und Eddie Murphy rief den Advokaten zu Hilfe, als er Ende der 90er Jahre und auf der Höhe seines Ruhms mit einem Transvestiten in Hollywood erwischt worden war – dabei habe der Komiker, so argumentierte Singer, die Prostituierte nur als Anhalter mit ins Auto geladen, um sie/ihn ein Stück mitzunehmen (Jura-Studenten schwärmen noch heute von Singers genialer „Der gute Samariter“-Verteidigungsstrategie).

Seine Waffen sind Unterlassungserklärungen und Androhungen von kostspieligen Prozessen, zu seinen Methoden zählt normalerweise das Attackieren der Opfer: Er stellt ihre Motivation in Frage, verschmiert ihre Reputation. Für ein Honorar von gut tausend Dollar pro Stunde wird der Kunde geradezu adoptiert, „niemand zieht meine Klienten über den Tisch“, tönt er. „Reiche Leute“, kommentiert die „Los Angeles Times“, wollen und brauchen eben „jemand, der austeilt, kein Milchbrötchen“. Zu seinem aktuellen Fall Ratner nur soviel: Manche Leute, sagt Singer, sprächen von einer Hexenjagd. „Ich sage das nicht. Aber es gibt jetzt eine neue Macht.“

So ist es, Singer. Und die ist nicht mit den Bad Boys.

...zwei...

Der Jagddhund: David Boies

Netter Ninja: David Boies mit seiner Frau Mary und seinem Klienten Harvey Weinstein; mit seinem Bühnen-Alter-Ego George Clooney; und mit den Klägern gegen Kaliforniens Referendum, das die Homo-Ehe verbieten sollte und das der Oberste Gerichtshof im Juni 2013 als verfassungswidrig abschmetterte

Als 2014 nordkoreanische Hacker den gesammelten E-Mail-Verkehr von Sony-Pictures abfischten und via Wikileaks einer größtenteils schadenfrohen Öffentlichkeit zur Lektüre empfahlen, riefen die Studio-Geschäftsführer in ihrer Not nach dem berühmtesten Anwalt des Landes. David Boies, der zuvor den White-House-Kandidaten Al Gore im peinlichen „Recount“-Prozess um die Stimmenauszählung bei der Präsidentschaftswahl vertreten hatte, eilte nach Hollywood und forderte umgehend die Journalisten und überhaupt jeden, der einen Computer und damit Zugang zu Wikileaks besaß, auf, die gestohlenen Daten zu vernichten (statt sie genüsslich zu lesen! Wir erinnern uns mit Freude an manches Highlight, etwa: Angelina Jolie, so schrieb der Produzent Scott Rudin an seine Sony-Chefin, sei „ein untalentiertes, verzogenes Gör“ und die Produzentenkollegin Megan Ellison „eine manisch-depressive Irre“; der Regisseur David Fincher teilte im internen Mailverkehr mit, es sei „eine grauenhafte Idee“, Adam Driver in „Star Wars“ zu besetzen). 

Wer besser als Boies, den „Vanity Fair“ vor rund fünfzehn Jahren als den „wohl größten Prozessanwalt der Welt“ angehimmelt hat, hätte Hollywood aus diesem Schlamassel führen können? Er sei der „Ninja“ unter den Anwälten, schwärmte ein Gerichtsreporter, und ein Komiker verglich den Berühmten mit Buddha, nur dass Boies dünner sei und besser angezogen. Aus einem seiner Prozesse, in dem er vor dem Obersten Gerichtshof gegen die sogenannte Proposition 8 argumentierte, ein Referendum, das die gleichgeschlechtliche Ehe in Kalifornien wieder verbieten wollte, ist sogar ein Theaterstück entstanden; auf der Bühne spielte kein Geringerer als George Clooney den brillanten Anwalt.

An Boies wandte sich auch die Weinstein-Company, als es darum ging, Harveys Eskapaden in den Griff zu bekommen: Die Kanzlei Boies Schiller Flexner setzte den berühmten Vertrag auf, der den übergriffigen Harvey zu einer Geldstrafe verdonnerte, wenn die Firma mal wieder Schweigegelder und Abfindungen an seine Opfer zahlen musste (und der die Attacken Weinsteins damit "erlaubte"). Der Reporter Ronan Farrow, der mit seinen Recherchen den Fall Weinstein ins Rollen gebracht hat, berichtet außerdem, dass Boies im Auftrag des Filmmoguls einen Spionagedienst beschäftigte, der die von Weinstein belästigten Frauen einschüchtern und die ermittelnden Journalisten aushorchen sollte; alles zum Schutz seines Klienten. Boies ist auch Hausjurist der „New York Times“: Die Zeitung beendete die Zusammenarbeit prompt, als die Sache mit „Black Cube“ herauskam, so der kinoreife Name des Schnüfflerbüros.

Zur Zeit ficht Boies gegen die erfolgreiche US-Schriftstellerin Emma Cline, deren Ex-Freund, Boies’ Kunde, ihr vorwirft, weite Teile ihres Erfolgsromans „The Girls“ von ihm abgeschrieben und seine Emails mit Hilfe von „Spionage-Gerät“ ausgespäht zu haben. Ein unappetitlicher Prozess: Der Ex droht mit der Veröffentlichung von Nacktfotos und Sexting-Messages, Emma Cline hat Gegenklage eingereicht und spricht von Würgen und anderen Attacken. 

Der 76-Jährige könnte und sollte sich eigentlich zur Ruhe setzen. Er hat ein Weingut in Kalifornien, eine schöne Yacht – und einen legendären Ruf. Nur scheint ihm der zu Kopf gestiegen. Boies wurde „gierig“, sagt ein Anwaltskollege. Eine Reporterin, die ihn über die Jahre beobachtet hat und ihn als „leutselig“ beschrieb: „Er ist eben doch nur instrumentalisiert von den Reichen und Mächtigen, wie jeder andere auch.“

...drei

Der Terrier: Gloria Allred

Gern im Recht, noch lieber im Blitzlicht: Gloria Allred mit ihrer Tochter Lisa Bloom, ebenfalls Anwältin, und mit einigen ihrer Schützlinge: Sunni Welles klagt, der Komiker Bill Cosby habe sie mit 17 vergewaltigt; Beverly Young Nelson wirft dem Politiker Roy Moore vor, sie in den 70er Jahren belästigt zu haben (sie war 16); gegen den Golfer Tiger Woods zogen 2010 Joslyn James und Rachel Uchitel (mit Sonnenbrille) zu Felde; Allred 2012 mit Kanadas "Miss Universe"-Kandidatin, die als Transgender disqualifiziert worden war (Donald Trump als damaliger Eigentümer der Show lenkte schließlich ein und ließ sie antreten); mit Charlotte Lewis, die Roman Polanski sexuellen Missbrauch vorwarf; mit Summer Zervos aus Trumps Reality-Show "The Apprentice", die 2016 sagte, er habe sie begrabscht

Gäbe es keine Pressekonferenzen, Gloria Allred hätte sie erfunden – als perfekte Bühne für ihre resoluten Auftritte, die sie stets als Rettungsaktionen für die beschämten, geschändeten, stinksauren Opfer berühmter und mächtiger Männer inszeniert. Die 76-Jährige, meist in feuerrote Kostümchen gewandet, wird von den einen als eine Art Wonder Woman des US-Rechtssystem verehrt, von den anderen als sensationslüsterne Hexenjägerin abgetan, die sich aus eigennützigen Gründen auf den jeweiligen Skandal-Fall des Monats stürzt. Gloria Allred war es, die Tiger Woods’ geschasste Gespielinnen vor Fernsehkameras platzierte; die mit der englischen Schauspielerin Charlotte Lewis gegen Roman Polanski ins Feld zog, er habe auch sie, als sie gerade mal 16 Jahre alt war, missbraucht (Lewis nannte ihre Anwältin damals dankbar „einen Terrier“; Hunde-Vergleiche sind in der zweifellos rüden Juristenwelt sehr beliebt). 

In Fällen von „sexual misconduct“ sieht Allred rot: Derzeit ist sie schwer aktiv an der Seite von Frauen, die Donald Trump und dem Komiker Bill Cosby Belästigung beziehungsweise Vergewaltigung vorwerfen. Eine andere Klientin ist eine der zehn Frauen, die aussagen, der umstrittene, von Präsident Trump dennoch unterstützte Senatskandidat Roy Moore aus Alabama habe sie als Teenager angemacht, als er bereits in seinen Dreißigern war.

Bei den Filmfestspielen in Sundance wird im Januar eine Netflix-Dokumentation mit schönem Titel „Seeing Allred“ vorgestellt. Die beiden Regisseurinnen haben schon angekündigt, dass sie bis kurz vor der Premiere die Kamera laufen lassen – ihre Heldin ist einfach zu busy. Allred betreut auch einige der Schauspielerinnen und ehemaligen Mitarbeiterinnen von Harvey Weinstein. Ihre Tochter Lisa Bloom – Allred ist der Name von Glorias Ehemann, den sie, anders als den Gatten, nicht ablegte – arbeitete übrigens vorübergehend als Weinsteins Anwältin, sie hatte ihn beraten, nachdem die „New York Times“ den ersten Artikel über seine Ausfälle veröffentlicht hatte.

Dafür gab's öffentlich Schelte von Mutti. Die stolze Feministin Allred macht sich nämlich seit den 70er Jahren gegen Diskriminierung, für das Recht auf Abtreibung stark und sieht sich als „Frauenrechts-Verteidigerin“, die sich weder von Republikanern noch Demokraten Vorschriften machen lassen will. Sie vertrat, meist in Prozessen um Schadensersatzansprüche, die Familien der OJ-Simpson-Opfer Nicole Brown Simpson und Ronald Goldman, stärkte die Rücken – und Konten – der Ex-Girlfriends von Charlie Sheen und anderer bevorzugt reicher und berühmter Männer, deren Schandtaten man in den Revolverblättern im Supermarkt und bei TMZ nachlesen kann.

Über ihre Scharmützel hat die nicht mal eins sechzig große Power-Anwältin 2006 ein Buch geschrieben („Fight Back and Win“). Sie schwört, dass es „jung hält, das Unrecht zu bekämpfen“. Von ihrem Büro aus kann man das Hollywood-Zeichen sehen; auch dies ein Hinweis auf ihre Vorliebe zu Aufsehen erregenden Fällen. „Wir haben seit 35 Jahren keinen Penny für Werbung bezahlt“, sagt ihr Geschäftspartner im Anwaltsbüro. „Gloria erledigt das für uns. Sie blickt in 150 Kameras und trägt ganz gelassen unser Anliegen vor. Sie ist eine total coole Socke.“