Ungeklärte Verhältnisse

 Yep, das Foto ist ein bisschen unscharf – aber so ganz klar sind die drei Herren auch nicht mehr: Bono, George Clooney und Rande Gerber trinken aufs beste Mannesalter im "Cafe Habana" – wo Malibu noch idyllisch, Kuba noch exotisch und Tequila ein echtes Lebensmittel ist. Prost!

Yep, das Foto ist ein bisschen unscharf – aber so ganz klar sind die drei Herren auch nicht mehr: Bono, George Clooney und Rande Gerber trinken aufs beste Mannesalter im "Cafe Habana" – wo Malibu noch idyllisch, Kuba noch exotisch und Tequila ein echtes Lebensmittel ist. Prost!

Im Cafe Habana Malibu feiern Lokalgrößen wie Sting, Kate Hudson und die Kardashians gern Geburtstage und Familienfeste, aber auch an sozial eher windstillen Tagen sieht man den Chef des Hauses mit der glamourösen Gattin über Chips und Salsa abhängen: Nightlife-Zampano Rande Gerber, verheiratet mit Amerikas beliebtestem Schönheitsfleck Cindy Crawford, hat das mexikanisch-kubanische Restaurant im Einkaufszentrum von Malibu zum „kleinen Clubhaus für die Einheimischen“ deklariert, weil es – samt Solardach und Bio-Küche – voll zum Umfeld passt. Denn wie Malibu selbst, jenem starbestückten Strandstreifen vor Los Angeles,  sei seine Surfer-Bar „high profile, but low key“, also voller Großverdiener, die auf kleine Leute machen. George Clooney hat hier im Mai 2014 in intimer Runde – Bono war unter anderem dabei, Irlands bleichster Beach-Boy – seine Verlobung mit Amal gefeiert: erstens, weil er und Rande alte Kumpel sind, und zweitens, weil der Tequila aufs Haus ging.

 

Sorry für die Verspätung! Aber natürlich steckte ich im Stau, der PCH war die Pest. Ich habe vollstes Verständnis für Mel Gibson, wenn ich das jeden Tag fahren müsste, würde ich auch ausrasten! – Nur ein Witz, kein Grund, blass zu werden.

 

Mir geht’s nicht gut.

 

Ah, das Schnäpschen, das du da süffelst, ist Underberg?

 

„Casamigo“, der Tequila, den George und Rande aus Mexiko importieren. Ich muss meine Eingeweide ausbrennen, hab zu viel Wasser geschluckt beim Surfen.

 

Andere machen Solekuren um zu entgiften, und du kippst gleich noch Fusel hinterher.

 

Du verstehst nicht. Es ist nicht das Salzwasser, es sind die Zusatzstoffe. Ich trank aus Barbra Streisands Toilette, ich schluckte Pamela Andersons Pipi.

 

Verstehe ich tatsächlich nicht. Haben die keinen Pool, in den sie pinkeln können?

 

Doch, das ist ja das Problem. Sie haben einen cesspool. Zu deutsch auch: Sickergrube. Das Klärsystem aus der Donnerbalken-Ära ist immer noch Standard in den meisten Villen hier. Auch am Billionaire’s Beach, wo die richtig Reichen residieren. Wenn es so regnet wie bei uns in den letzten Wochen, laufen die Gruben unter ihren Designerhäusern über, und die ganze Soße ergießt sich in meine Welle.


 Alle Mann ans Board: Surfer-Dasein im Malibu der Swinging Sixties

Alle Mann ans Board: Surfer-Dasein im Malibu der Swinging Sixties


 

Oh, shit. Ich dachte, dieses unappetitliche Thema ist schon seit Jahren vom Tisch. Gab es nicht sogar Proteststürme gegen Malibus Kloakenwirtschaft an deinem Surfrider Beach?

 

Du meinst den „Polio Pond? So heißt die Lagune bei Kennern. Aber wenn das so weiter geht, wird sie in paar Jahren nur noch sepiabraune Erinnerung sein. Malibu, wie wir es kennen und es uns krank macht, wird bald von einer großen Kläranlage saniert.

 

Na sauber!

 

Ich weiß nicht, ob ich darüber lachen oder weinen soll.

 Wolle mer's ins Meer lasse?!  Kanalisation nach Art der Malibunesen 

Wolle mer's ins Meer lasse?!  Kanalisation nach Art der Malibunesen 

 

Bevor du ins Detail gehst, brauche ich eine Unterlage. Kellner, señor, por favor?

 

(Kellner, kurz, breit, mit Nacken-Tattoos und rasierter Glatze, bringt eine Karaffe Wasser mit zwei Gläsern): ¿Quieres un caballito?

 

Danke, nein, keinen Kaba, ich dachte eher....

 

Was, wie lange lebst du in L.A. und hast immer noch keine Grundkenntnisse des Spanischen?! Caballito, einen Kurzen! Aber du trinkst besser nicht noch einen Schnaps. No, gracias, señor, wir dachten an etwas Gesünderes.

 

(Kellner, strahlend): Ah, Vitamine! Margaritas, Chips und Guac?

 

Hervorragende Idee. Muchas gracias!

 

Olé, olé.

 

Was? Was guckst du mich so an? Bin ich dir peinlich?

 

Ich frage mich nur, weshalb du so begierig in seiner Heimatsprache radebrechst.

 

CHECK, PLEASE!

Unsere Bars – diesmal: Cafe Habana

Malibu Lumber Yard, 3939 Cross Creek Road, Malibu, www.habana-malibu.com

Aufgetischt Tequila aus der Brennerei von Clooney und Gerber, zur Begleitung amerikanisch angehauchter Latino-Küche. Guac mit Chips und Salsa 9 Dollar, Margarita 12 Dollar

Aufgelaufen Strandläufer, Surfer, Rich Kids und Bad Boys wie John McEnroe

Aufgedreht Gringofreundliche Mariachi-Rhythmen und globale Muzak. Mittwochs Karaoke mit DJ, auf zwei Bildschirmen läuft Sport ohne Ton

Aufgeschnappt „Ich versteh gar nicht, wieso die Surfer immer versuchen, mich von meinem Stand-up-Paddel zu schmeißen! Das Meer gehört doch allen.“

Weil ich ihm zeigen möchte, dass wir weltoffene Gäste sind, denen es völlig wurscht ist, ob er sich illegal in diesem Land aufhält.

 

Das ist es, was du glaubst? Dass er ein Illegaler ist?

 

Ich habe keine Ahnung. Ist ja nicht unwahrscheinlich – mehr als zehn Prozent der gesamten Bevölkerung im Los Angeles County haben keine Papiere.

 

Was du alles weißt.

 

Das ist nicht neu, das ist nur ein heißes Thema, weil Trump die Braunen eifrig zu Sündenböcken für die Unzulänglichkeiten seiner Wähler macht. Dreiviertel aller Undokumentierten leben seit mehr als zehn Jahren hier, und keinen juckts. Mein Gärtner

 

Dein Gärtner!

 

Entschuldige, aber ich kann die Bäume nicht alleine beschneiden, neulich erst wieder bin ich von der Leiter gefallen! Pablo arbeitet für alle meine Nachbarn, schon seit zwanzig Jahren, es wäre wirklich unsozial, ihn nicht

 

Schon gut, schon gut, hör auf zu stottern, ich meine ja nur. Also: DEIN Gärtner?

 

Ich will nur sagen: Seine Kinder sind hier geboren, der Älteste will studieren – und ich habe keine Ahnung, ob Trump die Familie nicht demnächst auseinanderreißt und die Alten über die Grenze abschiebt.

 

Malibu ist Zufluchtsstadt.

 

Du meinst: für Barbra und andere Kanalisationsflüchtlinge?

 

Ja, das auch. Aber kürzlich hat sich Malibu ganz offiziell zur “Sanctuary City” erklärt. Hast du nicht gehört?

 

Also, für mich klingt das wie aus Hunger Games. Die Tribute von Panem planen in der Sanctuary City den Aufstand gegen das Kapitol.

 

Ich sag’s ja immer, du guckst zu viele Filme. Aber ausnahmsweise hast du recht: Die Sheriffs hier haben beschlossen, die Anweisungen vom Rumpelstilzchen im Weißen Haus zu ignorieren. Der hat bekanntlich die Einwanderungsbehörden dazu verdonnert, “Illegal Aliens” samt und sonders abzuschieben. Die Bürgermeister von “Sanctuary Citys” wie Malibu aber sagen: ausweisen nur, wenn gegen jemand ein Haftbefehl vorliegt.

 

Klingt verdächtig simpel.

 

Deshalb hat unser Bürgermeister gerade scheinheilig in Washington angefragt, die sollten doch mal genau erklären, was eine “Sanctuary City” ausmacht. Vermutlich, damit er schon mal seine Anwälte aufstellen kann. Denn klar ist ja nur: Trump ist dagegen. Für ihn sind “Sanctuary Citys” Horte der Rebellion gegen seine Tweets.

 

Nicht Tweets, Executive Orders.

 

Meinst du, er kennt den Unterschied? Aber egal, Städte wie LA und Malibu können nur funktionieren, wenn nicht ein Teil der Bevölkerung ständig in Angst vor Massenabschiebungen lebt. Die Polizisten hier werden den Teufel tun und jeden Pablo nach seinen Einreisedokumenten fragen.

 

(Kellner platziert zwei Brausegläser Margaritas sowie Avocado-Mus im Schälchen): Verzeihung, darf ich gleich abrechnen? Ich muss den Bus kriegen.

 

Aber ciertamente! Hier, meine tarjeta de crédita. – Hast du gehört, er nimmt den Bus. Malibu ist so grün!

 

(schnaubt): Das ist der Nanny-Express. Hab' ich mal eine Reportage drüber gemacht.

 

Klingt schlüpfrig.

 

Ist die dir noch nie die einsame Bushaltestelle oben am Highway 1 aufgefallen?

 

Ich dachte, die ist ein Relikt von früher.

 

Richtig, früher, anno LA Riots. Als 1992 die Hütten in South LA brannten, brachten Express-Busse die Nannys, Butler und Köche aus den Armenvierteln direkt nach Malibu, damit nur ja der Service während der Rassenunruhen nicht abriss.

 

Was für eine psychologische Talfahrt das sein muss. Schlimmer als Oben und Unten in Downton Abbey. Wenigstens sind die Armen in der Strandenklave sicher!

 

Glaub' doch nicht, dass die in Malibu sich zum Zufluchtsort erklären, weil sie so immigrantenfreundlich sind. Die haben nur Angst, ihr Personal zu verlieren.

 

Zynikerin.

 

Ist aber so. In der Zeitung klagte ein Malibunese angesichts der dräuenden Abschiebungswelle: “Wir wären wie gelähmt, und keines unserer Häuser würde geputzt!”

 

Charmant. Apropos schamlose Eliten, kommt dir die dürre Blondine mit den Bojen da drüben nicht bekannt vor?

 

 Schöner Shoppen: die Gerber-Crawford-Sippe

Schöner Shoppen: die Gerber-Crawford-Sippe

Die sieht aus, als käme sie direkt von der Malibu Ranch – dieses ultraexklusive Hunger-Resort hier in den Hügeln, wo du 2000 Dollar am Tag für sechs Mandeln und vier Stunden Wandern löhnst. Soll den Geist befreien...

 

(Schaufelt geistesabwesend Chips mit Guac in sich rein): Oder ist das eine von den Desperate Housewives?

 

Jetzt, wo du's sagst... Warte, wenn gleich Paparazzi auftauchen, handelt es sich um Nicollette Sheridan. Die ist seit Jahren sehr desperate. Neulich sah ich sie oben ohne aus der Umkleidekabine bei James Perse kommen.

 

Ist das der T-Shirt-Laden da drüben?

 

 Extrawurst auch für Nicollette Sheridan und ihren Begleiter

Extrawurst auch für Nicollette Sheridan und ihren Begleiter

Ja, immer, wenn sie länger nicht in den Klatschspalten auftaucht, macht sie sich dort frei.

 

Und wird nicht wegen „indecent exposure" verhaftet?

 

Iwo, Malibu hat seinen Bewohnern schon immer eine Extrawurst gebraten. Entschuldige die Vision.

 

Wirst du schon wieder unappetitlich?

 

Naja, der Grund, weshalb sich Malibu 1991 als eigenständige Stadt von Los Angeles absonderte, war nun mal allein die Weigerung ihrer Bewohner, sich modernen Abflussgesetzen zu unterwerfen. Sie wollten ihre Sickergruben behalten.

 

Aber warum nur?

 

Die reichsten der Reichen behaupten: um den dörflichen Charakter der Millionärskolonie zu wahren. Wo es keine Kläranlage gibt, ist kein Platz für Hotels und Mega-Shopping-Center.

 

Das ist doch relativ redlich.

 

Ich kenne drei Surfer, die dank langjährigem Bakteriengenuss aus den Abwässern der redlichen Dorfgemeinschaft am Surfrider Beach heute Herzschrittmacher tragen. Staphylokokken-Infektion!

 

Dörflich kann ich das sowieso nicht nennen, wenn ich wegen riesiger Baustellen stundenlang im Stau sehe.

 

Das ist leider der Preis für die Sauberkeit: In spätestens zwei Jahren muss sogar Barbra ihre Grube zuschütten und ans neue Klärsystem andocken. Seit 2015 der Kloaken-Krieg beendet wurde, darf schamlos gebaut werden. Nobu, der Edel-Japaner hier, hat gerade ein Hotel auf jungfräulichem Sand errichtet, direkt daneben eröffnete ein Ableger vom Soho-Haus, und unser abgeschrabbeltes Surfer-Clubhaus wird jetzt zum Boutique-Hotel umgemodelt. Überall Klos!

 

Gut für Touris, kann ich nur sagen.


 No-go-Area: Einschüchternde, obschon nicht rechtskräftige Schilder sollen den Plebs am Strandspaziergang hindern

No-go-Area: Einschüchternde, obschon nicht rechtskräftige Schilder sollen den Plebs am Strandspaziergang hindern


 

Du träumst. Billionaires-Beach-Bewohner sind doch nicht wild darauf, Touristen in ihr ganz persönliches “Sanctuary” zu lassen. 19 der 29 sogenannten öffentlichen Zugänge zum Strand sind unpassierbar. Letztes Jahr hat die Stadt ein Ehepaar auf vier Millionen Dollar verklagt, weil die den public access von der Straße zum Meer zugebaut haben.

 

Ich bin mal vom Strand einfach durch den Sand hochmarschiert zur Villa von Bruce Willis.

 

Teufelin. Da hast du das Gesetz gebrochen: Die Hochwasserlinie markiert nämlich die Grenze zum Privatgrundstück. David Geffen stellt gern Wachmänner vor seine Sandburg, die aufpassen, dass die verhassten Strandläufer immer nasse Füße behalten.

 

Bruce war gar nicht zu Hause.

 

Ach, meiste Zeit ist keiner zu Haus. Das sind ja nur Zweit- oder Drittvillen. Larry Ellison von Oracle ist der gierigste Milliardär von Malibu, er hat schon zwei Dutzend Anwesen an sich gerafft. Letztes Jahr ließ er eine der öffentlichen Treppen, die zum Strand runterführen, abreißen. Angeblich, um sie zu renovieren. Doch seitdem gähnt da nur ein Loch. Zugang wegen Gefahr verboten.

 

Wenn ich Millionär wär, würde ich mir vorübergehend was mieten am Strand.

 

Umgekehrt wird ein Schmu draus: Wenn du was mieten willst, musst du Millionär sein. 100.000 Dollar pro Monat, hab ich grade gelesen.

 

Ach. Und worauf trinken wir jetzt?

 

Auf die Große Freiheit!

 Hola, no, no tengo papeles, pero los dientes, muchos dientes!

Hola, no, no tengo papeles, pero los dientes, muchos dientes!